Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Chronik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 102 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Nachum Goldmann: Chronik nun die Enttäuschung uns überfällt, da uns nur das gewährt wird, s— worauf wir allein Anspruch haben? Die Enttäuschung ist eingetreten und kann gefährlich werden, wenn sie nicht beizeiten überwunden wird. Wir haben geglaubt, das jüdische Palästina sei da, und müssen nun erkennen, daß jahrelange mühevolle, unverdrossene Arbeit nötig sein wird, bis das jüdische Palästina Realität geworden sein wird. Wir haben uns vorgeredet, das Galuth sei zu Ende, die Erlösung sei gekommen, und müssen an den fürchterlichen Pogromen im Osten erleben, daß es grausiger, brutaler erscheint denn je. Und dar ob hat ein großer Teil unseres Volkes sich bereits in Marsch gesetzt, innerlich sehr viele, faktisch schon eine beträchtliche Zahl. Begreift man, welche Gefahren drohen? Enttäuschungen sind für Massen stets gefährlich; für ein innerlich ungefestigtes, national instinktunsicheres, in seiner äußeren Daseinsform unerhört leidendes Volk wie das unsere gar könnte sie katastrophal werden. Drum muß sie in ihren Anfängen, in ihren Keimen seelisch überwunden werden. Indem wir uns von ihren Motiven befreien. Indem wir den Glauben an die Befreiung, die uns das Ende des Krieges und die Gunst der Völker bringen soll, als unbegründet, als unberechtigt, ja als unwürdig und beschämend erkennen. Indem wir die trügende Illusion preisgeben, — die wir mit vielen teilten —, das Ende dieses Krieges werde der Sieg des Rechtes sein, und wieder verstehen lernen, was unsere Ahnen stets wußten, daß kein Sieg des Rechtes durch Mittel der Gewalt möglich ist, und Gerechtigkeit es nicht mehr ist, wenn sie durch die Gewalt verwirklicht werden soll. Indem wir uns von der Hypnose, mit der große Massen des Judentums auf die Friedenskonferenz starren, befreien, im Bewußtsein, daß diese Versailler Konferenz nicht der Endakt der gewaltigen Umwälzung ist, die dieser Krieg eingeleitet hat, und die „Weltordnung", die dort zurechtgeklügelt wird, nur eine der vielen ist, deren Untergang wir in diesen Jahren schon erlebt haben. Kurzum: indem wir die Blickeinstellung auf die Anderen aufgeben und das Auge wieder in die einzig fruchtbare und notwendige Richtung einstellen, nach innen. Nur wir können uns helfen; nur wir uns befreien, nur wir das Galuth überwinden; nur wir das jüdische Palästina schaffen. In diesem Bewußtsein allein können wir jene Sicherheit und ruhige Festigkeit erlangen, mit der wir durch die Jahrhunderte des Exils schritten; nur so befreien wir uns von jener beschämenden und gefährlichen inneren Verfassung, deren Zustand sich mit den Schwankungen der Konjunktur aüf der Völkerbörse in Versailles fortdauernd ändert. Es ist furchtbar genug, wenn Dutzende anderer Nationen in solcher Haltung heute befangen sind, und es kennzeichnet dies besser als alles andere die ganze Lüge eines politischen Systems, das angeblich das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen" und die „Freiheit der Völker" verwirklichen will. Es wäre das Furchtbarste, wenn auch wir, das „Volk des Geistes", •mit unserem trotzigen Glauben an die Macht der Idee, mit unserer jahrhundertelangen Verachtung der Gewalt, uns zu solchen Unwürdigkeiten der seelischen Haltung verleiten ließen. Nichts tut uns heute mehr not, als zu den großen heldenhaften Traditionen unseres Volkes zurückzukehren, ruhig und gelassen jenem Geschiebe und Getriebe, das man Weltpolitik nennt, zuzuschauen, unsere Forderungen proklamierend, alle Kräfte aufbietend, ihnen die Erfüllung zu sichern; froh und dankbar, wenn man uns Recht widerfahren läßt, unerschüttert und fest, auch wenn eine •momentane Konjunktur uns ungünstig ist; im Innersten uns dessen bewußt, daß nur wir allein Träger unserer Rettung und unseres Verderbens sind, und daß wir, sind wir nur unser selbst gewiß, auch unseres Sieges gewiß sein dürfen. Heidelberg Nachum Goldmann