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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Chronik
Date
1919-01-01
Page
101 (sequence 2)
Language
German
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Chronik 101 diesen Ländern selbst und durch Vereinbarungen mit den Landesnationen werden er« reichen können. Nichts also hat sich an unserer äußeren Lage geändert. Und dennoch? Dies deutet darauf hin, daß der Umschlag der Stimmung nur in inneren Motiven begründet sein kann; daß der Fall von jubelndem Triumphgefühl in resignierte Mattheit von uns selbst verschuldet sein muß; daß unsere Haltung und unsere Politik im Kriege die Ursache dieser gefährlichen Enttäuschung sein muß, die unser Volk gegenwärtig erlebt und die, überwindet man sie nicht beizeiten, uns innerlich unabsehbaren Schaden antun könnte. Was das jüdische Volk gegenwärtig innerlich durchlebt, durchleidet, ist die Folge eines Fehlers, an dem unsere Einstellung und Politik seit einem Jahrhundert leidet, des eigentlichen Galuthfehlers unserer jüdischen Politik: des Vertrauens auf die Anderen, des Schielens nach ihnen. Daß dies die spezifische Einstellung des assimilatorischen Juden ist, wissen wir; daß auch die Politik des nationalen Judentums sich noch nicht von diesem Laster befreit hat, nehmen wir jetzt wied<} einmal wahr. Es ist begreiflich und verzeihlich, daß wir an dieser schielenden Blicksverzerrung leiden; wird doch seit zweitausend Jahren unser äußeres Geschick vom Willen und den Befehlen der Anderen bestimmt. Aber um dieses äußere Galuth zu überwinden, tut vorher die Befreiung vom inneren Galuth not. Und das Beispiel unserer Ahnen im Ghetto hätte uns hier Vorbild sein können. Sie vertrauten nicht auf die Anderen; sie glaubten nur an Israel und an seinen Gott. Wohl warteten sie auf die Rettung von außen, von oben; auf das Wunder Gottes und die Ankunft des Messias. Wir nationalen Juden haben diesen Wunderglauben verloren, um ihn durch den armseligeren Glauben an ein Wunder, das von den anderen Völkern käme, zu ersetzen. Denn krankte unser Volk nicht innerlich, unbewußt und wider Willen oft an solchem Glauben, wie hätte es sich durch Monate und Jahre hindurch in die trügerische Überzeugung hineinzuleben vermocht, seine Befreiung könnte ihm von den Völkern kommen, Palästina könnte ihm als Geschenk in den Schoß fallenl Man denke an den Jubel nach der Balfourschen Erklärung; das war mehr als die freudige und dankbare Genugtuung, daß eine Großmacht zum ersten Male feierlich und öffentlich unseren Anspruch auf Palästina anerkannt hat. Das war Triumphgefühl und Erlösungsjubel; man glaubte sich befreit und erlöst, und nahm Palästina als Geschenk hin. Man wußte nicht, daß es in großen und letzten Dingen keine Geschenke gibt, daß Freiheit, Rettung, Erlösung nur Selbsterrungenes sein kann. Hätten wir noch den sicheren Instinkt unserer Ahnen gehabt, wir hätten nie geglaubt, Erez Israel, Zion könnte uns von den Anderen „geschenkt" werden. Wie instinktlos und unsicher ist noch das nationale Judentum, wie unsicher auch noch unsere „nationale" Politik. Daher die Enttäuschung. Wir hatten zuviel erhofft, wir hatten Unberechtigtes, Illegitimes erhofft. Denn was haben wir legitimerweise mehr zu erhoffen, mehr fordern dürfen, als was uns jetzt zugestanden werden wird. Das jüdische Palästina — bevor es noch ein solches gibt, bevor wir nicht im Lande eine Majorität haben und ein voll entwickeltes eigenes Leben geschaffen haben? Die volle, unbeschränkte Freiheit — bevor wir das eigene Gemeinwesen von innen her errichtet haben, und das Subjekt da ist, für das wir diese Freiheit fordern dürften? Die Möglichkeit, das Recht, das jüdische Gemeinwesen in Palästina zu errichten, werden wir haben. Was durften wir mehr fordern? Was brauchten wir mehr? Wir aber hatten mehr erwartet, auch wenn wir es uns an der Oberfläche unserer Seele bestritten. Wir waren wunder gläubig und messiassüchtig auch hier. Darf man sich wundern, daß

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