Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Internationalität der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachum Göldmann: die der Vergangenheit würdig sein sollen; und, daß ein solches verbindendes und reinigendes Werk auf jeden Fall ein Gutes wirkendes Werk ist, das nicht zu hemmen auch sie sich genötigt sehen müssen. Denn die Wege zum Ziel sind verschieden, und gut ist jeder Weg, der reinen und erfüllten Herzens gegangen wird. Lustnau Arnold Zweig CHRONIK Täusche ich mich, wenn ich das Gefühl habe, als ob die Atmosphäre des jüdischen Lebens von einer Niedergeschlagenheit und seelischen Ermattung, von einer Enttäuschung beherrscht wird? Vor einem Jahre noch, vor einem halben Jahre noch war die Stimmung der jüdischen Öffentlichkeit hoffnungsstark und hochgemut, ja überschwenglich und triumphierend. Man war überzeugt, daß die Liquidation des Krieges uns die Erfüllung aller großen nationalen Hoffnungen bringen, daß wir aus dem grausigen Glücksspiel dieser fünf Jahre als Gewinnende hervorgehen würden. Die international garantierte Gleichberechtigung, die nationale Autonomie irn Osten und das jüdische Palästina, die Verwirklichung dieser drei Forderungen schien uns gewiß. Und nun — die Stimmung in den jüdischen Massen im Osten ist gedrückt, ist schier verzweifelt; so manche Führer auch im Westen schütteln die Köpfe, und die leuchtenden erregten Farben, in denen das öffentliche jüdische Leben noch vor kurzem schillerte, scheinen von einem dumpfen, matten Grau überdeckt zu sein* Noch scheuen sich die meisten, es sich selbst und den anderen zuzugeben. Das ist falsch, das kann gefährlich werden. Ist schon der gegenwärtige enttäuschte Seelenzustand weiter jüdischer Kreise von Gefahr, so kann diese nur behoben werden durch eine offene und ehrliche Klärung. Geheimdiplomatie und Konventikelatmosphäre ist in der jüdischen Politik, der das Vertrauen der breiten jüdischen Masse die einzige solide Grundlage aller möglichen Erfolge, der einzige Machtfaktor ist, über den sie zu verfügen hat, unheilvoller denn irgendwo. Unsere Forderungen sind nichts anderes als der Ausdruck unserer notwendigen und unantastbaren Lebensnotwendigkeiten; keines unserer Ziele und Bestrebungen beeinträchtigt die Freiheit und Existenz eines anderen Volkes; was könnte uns veranlassen, die reine Luft offener Aussprache und unverhüllter Klarlegung zu scheuen? Oder dürften wir uns etwa so unselbständig und schwach machen, aus Angst vor dem „Profit", den mesquine und überwollende1 Gegner aus solcher Aussprache schlagen würden, das zu unterlassen, was uns Pflicht und unsere Notwendigkeit ist? Also sagen wir es offen, laut und deutlich: Eine Stimmung der Enttäuschung erfüllt weite jüdische Kreise. Die jubelnde Festtagsfreude der letzten Monate ist verflogen; und die jüdische Masse fühlt sich irgendwie getäuscht, genarrt, betrogen. Was ist geschehen? Nichts ist geschehen. Dies ist das Seltsame der Situation, daß sich an unserer äußeren Lage nichts Wesentliches geändert hat. Unser Recht auf Palästina ist in Versailles anerkannt worden; wir werden in Palästina ungehemmt kolonisieren, uns frei entfalten, dort ein jüdisches Zentrum schaffen können Und was die nationale Autonomie betrifft, nun, die Polen haben es uns nie verheimlicht, daß sie diese Forderung mit allen Mitteln bekämpfen werden; und jeder Einsichtige hätte es von vornherein wissen müssen, daß wir die Sicherung unserer Rechte in den einzelnen Ländern in erster Reihe durch die Schaffung einer starken Position in