Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Internationalität der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 97 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE INTERNATIONALITÄT DER JUDEN Ein preußischer Landstürmer, polnischer Edelmann, sagte mir eines Tages am Ende eines langen Gesprächs im Sommer 1917 überzeugten und resignierten Tones: „Der Friede wird nicht kommen, wenn nicht die Juden ihn herbeiführen! Das ist Ihre Aufgabe!" Ich antwortete: „Wenn sie sich auf ihr Judentum besännen. Ich glaube nicht daran!" Der Kamerad schwieg, nachdenklich blickend. Er war ein von innen her frommer Katholik, der jeden Morgen die Messe hörte. Die Internationalität der Juden, in jenen Tagen ein Verbrechen vor allen eng, kalt und wild Nationalen, bestand damals nicht anders als in einer tiefen Erschütterung gegenüber dem Sturz Europas in unfaßliche Roheit und in eine von Lüge, Haß, Verachtung und Gewaltsanbetung gesättigte Atmosphäre. Je tiefer jüdisch ein Jude fühlte, um so erschütterter verstummte er vor dieser vor menschlichen Gesinnung einer Erde, auf der seit zweitausend Jahren die christliche Form jüdischer Gesinnung vergeblich Gesittung, Seele zu werden sich gequält hatte. Und während in allen Armeen täglich Juden fielen, in allen Armeen Feldrabbiner um Sieg und Frieden beteten, in allen Ländern wollend oder widerwillig die materielle und wirtschaftliche Kraft der Juden sich in Kriegskraft umsetzte, während das jüdische Individuum wollend oder widerstrebend in den Krieg verwurzelt war, blieb das Judentum eine geistige Substanz, neutral, fremd, fassungslos und erschüttert. Die geistige Substanz des Deutschen war ganz Angriff und Verteidigung, die des Franzosen ganz Verteidigung und Angriff, die des Belgiers ganz Verteidigung, die des Engländers und Amerikaners ganz richterlicher und herrschaftwollender Zorn; die Seele des Juden mußte neutral sein, unverstrickbar in ein Chaos, das aus einer ganz wilden fremden Ordnung ausgebrochen war. In diesem Gefühl der Erschütterung, der verstummenden Trauer, mußten sich Juden aus feindlichen Ländern, wahre Juden, nicht halb oder zu neun Zehnteln entjudete Atome, auf neutralem Boden treffen, erkennen und verstehen, wenn der Zufall sie zusammenbrachte und sie ihr Judentum aneinander empfunden und beglaubigt hatten. Mochten ihre Söhne gegeneinander kämpfen: zwischen den Vätern mußte sich Waffenstillstand, Stille, trauernder Friede einstellen. Sie glaubten einander und witterten keine Lüge, sie sprachen miteinander und es gab kein Mißverständnis. Wären sie nicht zu schwach, vereinzelt, ganz allein gewesen: der Friede hätte von ihnen ausgehen können wie ein Glanz, der sich auf Ätherwellen verbreitet, wie ein Ruf an Alle. Das war es, woran mein nachdenklicher Kamerad dachte. Aber niGht so, nur in wenigen, ausgesprochen jüdischen Angelegenheiten bewährte sich die jüdische Solidarität: die zionistische Organisation blieb bestehen, dies Ziel des Judentums hielt stand, und amerikanische Juden vereinten sich mit holländischen, englischen und deutschen, um die jüdischen Massen in Litauen und Polen vor der tödlichsten Not zu bewahren. Die Träger dieses menschlichen Werks waren sowohl strenggläubige wie freier lebende Juden. Heft 3, 7