Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Jüdische Bauern [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Bücherschau weitaus größere ist als bei der großen Masse, die nun kommen wird, denn jenen ist ein ungeheuer Bestimmendes gemeinsam: dasPioniertum, die idealistische Auffassung der Mission, die Opferbereitschaft. (Der „politische" Niederschlag des Pioniertums ist der „Hapoel hazair". Sein Programm ist das unbedingte Judentum und die Liebe zum Lande. Wenn er sich zu einer Absage an Europa, zu einer — vernünftigen — östlichen Orientierung durchgerungen haben wird, wird er mehr beitragen zur Konsolidierung und Reinigung des Judentums, als je eine jüdische Gruppe vor ihm. Es sei denn, man warte auf eine Wiederkunft der Bne Rechab.) S. Zemach, ein palästinensischer Arbeiter, erzählt vom Leben der jüdischen Bauern*). Er erzählt in ruhiger schöner Weise, ohne die aufdringliche Tendenz gewisser Schriften, vom täglichen Leben des Landarbeiters in Gallil. Die Erzählungen sind Dokumente de r Tragik der Einzelnen, und wenn vielleicht auch diese oder jene künstlerisch nicht voll zu werten ist, stehen sie uns doch alle menschlich nahe („Das erste Grab"!). Die Liebe zu dem Stück Erde ist ihnen schon Selbstverständliches, nicht mehr neuartiges Erlebnis, ein Zeichen, daß diese Bauern bereits ein gutes Stück aus ihrer Vergangenheit herausgeschritten sind, daß ihre Galuth stückweise abbricht und da und dort schon ein Stückchen des palästinensischen Juden ersichtlich wird. Dieses Buch ist aber auch eine Erklärung gegen die Forderung jenes Theoretikers, der eine zeitlich begrenzte landwirtschaftliche Dienstpflicht im jüdischen Palästina eingeführt sehen will, ohne zu bedenken, daß der bodenständige Bauer die Grundlage jeder Gemeinschaft sein muß, die mehr sein will, als der Versuch unverantwortlicher Experimentatoren. Nur der generationenlang auf seinem Boden sitzende Bauer kann durch seinen natürlichen Konservatismus ausgleichend wirken auf die täglich neu auftauchenden sozialen Pläne, die, wohl oft Vortreffliches beinhaltend, doch von ihren Verfechtern nicht zu Ende gedacht, die Gemeinschaft gefährden können. Der jüdische Bauer ist noch nicht. Er wird aber sein und wird desto früher sein, je sozialer Palästina aufgebaut sein wird, je größer die Sicherheit vor den ausbeuterischen Tendenzen innerer und äußerer Kräfte sein wird. Eine jüdische Gemeinschaft, die auf den Gesetzen eines Sozialismus basiert, der nicht allein ein ökonomischer, sondern ebenso ein Sozialismus der Gesinnung ist, eine Gemeinschaft, sage ich, die auch nach der Aufhebung *) R. Löwit Verlag 1919. der Diktatur des Geistes kraft ihrer sozialistischen, jüdischen Gesinnung sozialistisch lebt, wird den jüdischen Bauern haben, den sie verdient. Dann erst, glaube ich, werden wir wirkliche jüdische Bauerngeschichten schreiben können. Eugen Hoeflich Flüchtlinge Wir haben uns gewöhnt, Menschen gleichen Berufs, Milieus, gleichen Wohnsitzes oder irgendeiner Gemeinsamkeit als „Typen" zu klassifizieren und damit abzutun. Selbst dann, wenn diese Gemeinsamkeit nur in einer äußeren Gewalt besteht, welche diese Menschen in ein gleiches Schicksal wirft, ohne Beziehung zu ihrer Art und Eigenart. So sind auch die „jüdischen Flüchtlinge" ein „Typus" geworden. „Arme Opfer", meinten die Wenigen, „nichts als Kriegswucherer und Preistreiber" die Vielen. Und man kann auch nicht Apologetik treiben, wenn man häßliche Tatsachen zugeben muß und deren psychische Zusammenhänge Fremden, sowohl außerhalb als innerhalb der eigenen Nation, doch nicht beibringen kann. Da hat es denn einer, der beruflich täglich mit den galizischen Flüchtlingen zu tun hatte, dem aber ihr Schicksal als eine der Äußerungen und Spieglungen des nationalen Lebens besonders naheging, unternommen, kleine Bilder zu zeichnen*) nicht des Typischen, sondern des Menschlichen an ihnen, wie es sich ihm vermöge seiner Doppelstellung als Beamter und als Volksbruder erschließen konnte. Vor allem ein Zug, den der Arier und noch mehr der assimilatorische Westjude an diesen Menschen nicht kennt und nicht kennen will: die Schlichtheit. Welch eine innere Freudigkeit bei dem Mädchen, das seine erwerbsunfähigen Eltern und seinen kleinen Bruder durch Nähen von Rucksäcken erhalten kann, und ebenso bei jenem Kriegsblinden, der durch Korbflechterei Ernährer seiner Geschwister wird. Auch denke man an den „Lebenskünstler", diesen immer Vergnügten, den ein geschäftiges \nteresse an den Schicksalen aller sein eigenes vergessen läßt, oder an jenen Weltfremden, der doch, auf einen diesbezüglichen Zweifel, mit ruhiger Würde, aber beharrlich, die Bestätigung verlangt, daß seine Angaben auf Wahrheit beruhen. Denn diese Menschen haben, auf doppelt fremdem Boden, mit dem Haß einer Umgebung zu kämpfen, der die tausende verborgen-schlichter Existenzen für die Sünden der Frechen und darum allzui Sichtbaren ver- *) Jüdische Flüchtlinge, Szenen und Gestalten von Otto Abeles. R. Löwit Verlag 1918.