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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Jüdische Bauern [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
93 (sequence 1)
Language
German
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BUCHERSCHAU Jüdische Bauern In keinem Lande und an keinem Volke läßt sich die Richtigkeit des Satzes, daß das Milieu die gewaltigsten seelischen, mit der Zeit auch körperlichen Änderungen auszulösen imstande ist, so nachweisen, wie an den Juden Palästinas. In keinem Lande und in keinem Volke aber ist diese Einwirkung eine so notwendige wie in Palästina, wo die jüdische Gemeinschaft andernfalls immer nur eine Gemeinschaft von „Europäern" in einem asiatischen Koloniallande bleiben müßte, ein Zusammenschluß dem Lande wesensfremder Elemente, wie es etwa eine Holländerkolonie in Sumatra, eine englische Station im Sudan, eine französische Faktorei irgendwo im Dschungel von Tonking ist. Das Aufgehen im Lande, Verwachsen mit der Scholle, die Wieder Vermählung mit dem Milieu aber ist die Grundlage alles Lebens, das über die Zufälligkeit einer augenblicklichen ökonomischen Zweckmäßigkeit hinausgeht, das nach dem Begriffe Heimat zielt und nach Emanzipation vom erzwungen Gewesenen. Der Begriff Heimat aber beinhaltet ein auf Ewigkeit gerichtetes Gefühl und eine Gesinnung, die stärker ist als die das Ich über das Wir setzende Gesinnung dieser Tage; eine Gesinnung, der das Land nicht Ausbeutungsobjekt ist zur Erhöhung des Ausbeuters, der nichts anderes will, als möglichst rasch reich, mächtig werden. Besteht diese Gesinnung nicht, dann wird Palästina mit unbedingter Sicherheit eine Kolonie Europas, und der Jude, der aus Europa kommt, steht auf der Höhe des Faktors in Tonking und der palästinensische Jude auf der des Kompradore in Schanghai. Dieses Wiederverwachsen mit dem Lande setzt ein Erkennen des Möglichen voraus und das Bewußtsein der Gemeinsamkeit. Es ist notwendig, zu erkennen, daß es in Europa Einrichtungen, Bewegnisse, Gedanken gibt, die ihre aus der Entwicklung Europas bedingte Notwendigkeit für diesen Teil der Erde haben, deren Übertragung auf ein Land mit anderen materiell (oder auch gefühlsmäßig) zu bestimmenden Bedingungen aber ein Fehler wäre, der sich früher oder später dem Einsichtigen aus einer grauenhaft verzerrten Fratze des Lebens manifestieren würde. Doch nicht allein die ganz greifbaren Bedingungen sind es, die eine Nachahmung Europas verbieten (abgesehen von dem in dieser Nachahmung beinhalteten Eingeständnis innerer Impotenz), sondern auch die abstrakten, mehr gefühlsmäßig erkennbaren Unterlagen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart wirken. Es waren bis nun alle europäischen „Reformen" in Asien wertlos, ja verbrecherisch, da sie nicht in der Vergangenheit und im Geiste der Betroffenen wurzeln. Menschen, die nach Asien kommen und es nicht begreifen, daß das Europäertum, das sie nicht abzustreifen sich bemühen — aus Hochmut sei es, sei es aus Bequemlichkeit —, sie zu Fremdkörpern macht, machen aus dem Lande, in dem sie arbeiten, Levante und erhöhen durch jede Tat die Mauer, die das Mißtrauen und später der Haß der Eingeborenen aufrichtet, die in Palästina Juden von Arabern und später sicher auch eingeborene von eingewanderten Juden trennen wird. Der Jude aber, der in das Land kommt und bewußt ist, daß das Europäertum an ihm nur ein Anstrich ist, den schon die nächste oder übernächste Generation so verloren haben wird wie den europäischen Rock (äußeres Zeichen der angeblichen Höherwertigkeit Europas und eines dummen hohlen Stolzes), dieser Jude wird bald eigene Wege finden, die nur dann Europa berühren, wenn es etwas zu holen gilt, das dem Lande nicht aufgepfropft, sondern organisch mit ihm vereinigt werden kann. Dieser verständige Jude wird bald die Emanation der palästinensischen Erde und der Sonne in sich aufnehmen, die Liebe zur Erde wird in ihm mit ungeheurer Gewaltaufstehen, selbst wenn seine Vergangenheit die eines ackerfernen russischen Luftmenschen war. Hier hebt die Wiedergeburt zum orientalischen Juden an, dessen innere Freiheit nicht mehr die Lüge seines vergangenen europäischen Tages ist, ein verklungenes, nun wieder auferstandenes Urgefühl vielmehr, das ihn das Gewesene bald vergessen läßt. Diese Entwicklung in der rasenden Schnelligkeit von heute auf morgen könnte vielleicht eine Gruppe von Einzelnen durchmachen, nicht aber die homogene Menge. Die jüdischen Bauern des heutigen Palästinas sind noch nicht die von morgen. Sie brauchen Zeit es zu werden, wenn auch bei diesen Pionieren die Entwicklungsschnelligkeit eine

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