Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Fachmänner der Idee
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 90 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Fachmänner der Idee Der Zionismus steht vor der praktischen Verwirklichung. Wir wissen nicht, wann die Grenzen Palästinas sich öffnen werden, ob die Aus Wanderungsbewegung noch in diesem Jahre oder erst im nächsten einsetzen wird, aber wir wissen, daß sie kommt, wir wissen, daß Palästina aufgebaut werden wird; und das heißt für alle diejenigen, die da wollen, daß in Palästina ein sozialer Aufbau geschaffen werden soll, wesensverschieden von dem der europäischen Völker, unter denen bislang die Mehrzahl der Juden wohnte: Scharet euch zusammen in Arbeitsgemeinschaften, die gewillt sind, ihre Idee in der Realität zu verwirklichen. Tut ihr dies jetzt nicht, so ist die Entwicklung bereits abzusehen; den Aufbau Palästinas werden Männer leiten, die primär sogenannte Realpolitiker sind und dabei auch — warum auch nicht — geistige Prinzipien berücksichtigen. Die Geistigen aber werden um Prinzipien und Thesen streiten und so nicht zu einer Synthese von Idee und Leben gelangen. Schlagwortartig zusammengefaßt: was wir brauchen, sind Fachleute, Fachleute, die jedoch von der Idee bestimmt sind. Unsere Arbeit muß es sein, Menschen heranzubilden, die von unserer Idee durchdrungen, gleichzeitig jedoch mit dem zunächst zu lösenden realen wirtschaftlichen Problem vertraut sind. Wenn ich im folgenden von einzelnen dieser Probleme handele, so weiß ich, daß ich nur von einigen sprechen kann, jedoch von denen, die mir für die nächsten Jahre die wichtigsten zu sein scheinen. Wir verlangen, daß das jüdische Volk Obereigentümer des gesamten Bodens von Erez Israel wird und daß der Boden nur in Erbpacht bei ländlichem, in Erbbaufecht bei städtischem Boden weitergegeben wird. In allen unseren Diskussionen und Versammlungen ist bisher nur über das Prinzipielle in diesen Dingen gehandelt worden, obwohl die praktische Verwirklichung, wie alle diejenigen wissen, die die Einführung des Erbbaurechts in Deutschland kennen, mit ganz außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Nehmen wir an: Männer unseres Geistes setzen diese Forderung durch. Wie wird sie verwirklicht? Sollen wir alle Fehler wiederholen, die bereits gemacht worden sind, damit die Gegner unseres Gedankens bereits bei diesem verhältnismäßig einfachen Werk die alten sozialen Formen als die weitaus „praktischeren" propagieren können? Wir sprechen immer davon, daß wir in Palästina unsere Forderungen um so leichter durchsetzen können, weil es ein unerschlossenes Land ist, ohne bestimmte soziale Tradition und wir daher nichts niederzureißen brauchen. Wir können dort bereits bei dem Jahre 2000 beginnen, aber doch nur dann, wenn die Erfahrungen dieser 1900 Jahre nicht spurlos an uns vorübergegangen sind, wenn wir wirklich aufs intensivste gelernt haben. Schafft uns Fachleute auf diesem Gebiete, sie tun uns bitter not. Die Nationalisierung des Bodens bringt uns der Verwirklichung unseres Ideals einen großen Schritt näher, aber sie bildet nicht die völlige Lösung der sozialen Frage. Auch bei Erbpachtboden kann z. B. ein Plantagenbesitzer einen Betrieb mit landwirtschaftlichen Lohnarbeitern schaffen, die er exploitiert. Wir brauchen Fachleute, die mit den landwirtschaftlichen Besitz- und Betriebsformen in ihrer Anpassung auf die spezifischen landwirtschaftlichen Bedingungen Palästinas aufs genaueste vertraut sind und uns Wege zur Lösung weisen können in unserem Sinne. Es ist nicht gewiß, wie sich späterhin einmal die Berufsverteilung unter den Juden Palästinas gestalten wird; es ist aber gewiß, daß in den ersten Jahren große Massen nach Palästina kommen werden, die nur zu einem geringen Teil in der Landwirtschaft untergebracht werden können, zu einem weit größeren Teil dagegen bei öffentlichen Arbeiten und in den Städten. Die Probleme, die uns diese Tatbeständeaufgeben,sindgerade indennächsten Jahren-von fundementaler Bedeutung, sind aber bisher von uns kaum gewürdigt worden. Wir verlangen, daß sämtliche öffentlichen Arbeiten in öffentliche Regie genommen werden. Dazu gehören unter anderem der Ausbau der Häfen von Jaffa, Haifa und Gazza, der Ausbau des Eisenbahn- und Wegenetzes, die Schaffung von Überlandzentralen und Staudämmen, die Aufforstung und Assanierung des Landes sowie eventuell die gesamte Bautätigkeit.