Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Übertragungen aus dem Buche Sohar
Date
1919-01-01
Page
88 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104181--3125-3104292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

88 Ernst Müller: ÜBERTRAGUNGEN AUS DEM BUCHE SOHAR Die höhere Tat sohar, foi. 201—b. Rabbi Abba begann seinen Vortrag mit dem Schriftsatze (Sprüche 20,5): „Ein tiefes Wasser ist der Rat im Herzen des Mannes, aber der Mann der Vernunft wird ihn emporschöpfen." Der erste Teil des Satzes bezeichnet den Allheiligen selbst, denn Er bereitet den Rat für den Kreislauf der Ereignisse in der Welt. So, wenn er um Josefs willen jene Hungersnot über Ägypten brachte. „Der Mann der Vernunft" aber, der ihn emporschöpft, ist Josef, der jene Tiefen enthüllte, die der Allheilige über die Welt gebracht. Und merke, daß Josef es sich nicht genügen ließ, seinen Brüdern nicht Schlimmes zu vergelten, sondern daß er mit ihnen in Güte und Recht verfuhr — und dies ist immer die Art der Reinen. Darum ist auch der Herr beständig schirmend über ihnen, so in dieser als in jener Welt. Rabbi Abba saß einmal vor einem der Tore von Lydda. Da sah er einen Menschen kommen, der legte sich in die Höhlung eines Erdhügels und schlief, des Weges müde, ein. Während er schlief, kroch eine Schlange an ihn heran, aber in demselben Augenblick löste sich ein Baumstumpf vom Boden und fiel auf die Schlange. Der Mann erwachte und erblickte vor sich die getötete Schlange. Da trat er aus der Höhlung heraus, und in dem gleichen Augenblick stürzte die Deckung jener Höhlung zusammen — und er war gerettet. Da ging Rabbi Abba zu ihm und fragte ihn: „Was sind deine Taten, daß der Allheilige zwei Wunder da für dich bereitet hat? Das kann keine geringe Sache sein." Und jener Mann erwiderte: „Niemals in meinem Leben hat mir ein Mensch Böses getan, ohne daß ich mich mit ihm versöhnt und ihm verziehen hätte. Und weiter: wenn keine Gelegenheit war, mich mit ihm auszusöhnen, so ging ich doch nicht eher schlafen, als bis ich ihm und allen, die mir Schmerz zugefügt, verziehen hatte, und ich gedachte nicht mehr des mir angetanen Schlimmen. Aber nicht genug daran: ich bemühte mich von jenem Tage an, da sie mir Schlimmes zugefügt, ihnen Gutes zu bereiten." Da weinte Rabbi Abba und sprach: „Höher sind seine Taten als die Josefs. Denn Josef ward bewegt vom Erbarmen mit jenen, die seine Brüder waren. Was dieser Mann getan, ist also mehr als die Tat Josefs und wert, daß der Allheilige ihm Wunder über Wunder bereite." Das Gewand der Tage Sohar, foi. 224 a-b. Rabbi Jehuda begann seinen Vortrag mit dem Schriftsatze (Jer. 42, 18): „Ihr Tauben höret und ihr Blinden werdet sehenden Blicks!" Die Tauben, das sind jene, welche nicht auf die Worte der Thora hören und ihr Ohr nicht öffnen wollen dem Geheiß ihres Herrn. Und die Blinden sind jene, welche nicht dessen gewahr werden, worauf sie selber bestehen. Denn Tag für Tag ergeht eine Botschaft, doch keiner ist, der ihrer achtete. Und wir haben gelernt, daß an jenem Tag, an dem ein Mensch zur Welt kommt, alle Tage seines Lebens in ihrem Bestände verbunden sind, und sie ziehen und wandern durch die Welt und kommen herab, den Menschen mahnend, einzeln Tag um Tag. Und wenn ein solcher Tag den Menschen an seine Pflicht gemahnt hat und dieser begeht dennoch eine Schuld vor seinem Herrn, dann zieht er sich in Sehnsucht und Verlassenheit zurück und bewahrt in gesondertem Dasein sein Zeugnis. Und wir haben gelernt, daß dieser Tag dann an seine Stelle wiederkehrt, wenn der Mensch von dem Pfade jener Schuld zurückkehrt. Wenn der Mensch sich aber dann nicht würdig erweist, vereinigt sich jener Tag mit dem Geiste, der draußen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.