Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Ein Hebräisches Institut
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 61 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- Chaim Nachman Bialik: Halacha und Aggada 61 die jüdische Volkskultur, dahinschwindet insoweit — sie diasporabedingt ist, auch dahinschwinden soll. Die Diaspora hat sehr charakteristisch verschiedene jüdische Stämme gebildet, welche eine besondere jüdische Sprache haben, eine gewisse besondere Eigenart aufweisen, und eine volkstümliche Kultur haben, welche nur zum Teile als national anzusprechen ist: Askenazim, Sefardim, Perser, Jemeniten und andere. Jeder Stamm hat seine eigenen Volkslieder, Sprichwörter, Märchen und Sagen, Volkswitz, volkstümliche Kunst. Die Ungunst der Zeiten hat mit dieser Stammeskultur aufgeräumt Eine historische Notwendigkeit wird es sein, daß bei der Rückverpflanzung unseres Volkes nach der alten Heimat wir die Galuthsprachen aufgeben, ja sie willentlich unterdrücken werden, daß dabei die volkstümliche Kultur leiden wird. Wir sollten für ihre Sammlung Sorge tragen. In diesen galuthgeprägten Formen ist jüdische Seele. Durch umfangreiche Vergleichungen soll das Gemeinjüdische im Stammesfolklore gefunden werden. Alles Gemeinjüdische, alles Wertvolle wollen wir dann ins neue Leben hinübernehmen, im Hebräischen weiterleben lassen. Die Galuthsprachen, ihre Literaturen, die völklichen Werte: Lieder, Sagen, Sprichwörter, Bräuche, Lebensformen, Volkskunst, jüdischer Witz solien gesammelt in einem Archiv bewahrt und später erforscht werden. Die Erforschung der exotischen Juden wird auch wohl in das Gebiet dieser Anstalt fallen: die Falaschas, Bene Jisrael, Kaukasusjuden, chinesische Juden, das Rätsel oder der Spuk der Chaibar-Juden. Vielleicht werden auch Vergleiche mit der arabischen Landeskultur manche neue Momente ergeben, vielleicht wird so festgestellt werden, wieviel jüdisches Wesen an ihr abgefärbt hat. Einige interessante Völker, welche ihre jüdische Abstammung behaupten, könnten vielleicht folkloristisch erforscht und auf diesem Wege etwas ermittelt werden. Auch die folkloristische Arbeit soll dem Leben dienen, ihm Säfte zuführen. Das Leben soll nicht nivelliert, nicht kulturschal, nicht wurzelbar und farbenarm sein. Alles Große und Schöne aus unserer alten Literatur, aus unseren Stammeskulturen, das ganze jüdische Wesen soll sich entfalten und auswirken. £• Zt. Berlin E. M. Lipschütz (Jerusalem) HALACHA UND AGGADA Das Antlitz der Halacha — grämlich, das der Aggada, lachend. Jene pedantisch, erschwerend, hart wie Stahl — die Ordnung der Strenge; diese freimütig, erleichternd, weicher als Öl — die Ordnung des Erbarmens. Jene ordnet an und weicht nicht um Haaresbreite davon ab: ihr Ja ist Ja und ihr Nein ist Nein; diese gibt einen Rat und bedenkt die menschliche Kraft und Einsicht: Ja und Nein werden schlaff in ihrer Hand. Jene — Schale, Körper, Handlung; diese — Gehalt, Seele, Intention. Dort versteinertes Beharren, Zwang, Fron; hier dauernde Erneuerung, Freiheit und Willkür. So heißt es von Halacha und Aggada in ihrer Beziehung auf das Leben, und über ihre Beziehung auf das Schrifttum pflegt man hinzuzusetzen: dort dürre Prosa, eine Präziser und feststehender Stil, graue eintönige Sprache — Vorherrschaft des Intellekts; hier die Frische der Dichtung, ein fließender und abwechslungsreicher Stil, buntfarbene Sprache — Vorherrschaft des Gefühls.