Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Lehmann: Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens Gemeinschaft aufzubauen, deren blühendes Leben mehr die anderen von ihrem Werte überzeugen wird, als der theoretische Kampf für sie. Nur eine solche wirklich lebende Gemeinschaft wird den Einwand der Nationalökonomen widerlegen: bei gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Ertrag, fehlt der Antrieb zu derjenigen intensiven Arbeit, wie sie der für sich allein auf privatem Besitz arbeitende Mensch aufzubringen vermag. Ein Einwand, der sicherlich auf die augenblicklichen europäischen Verhältnisse zutrifft. In der palästinensischen Siedlung aber sind die Menschen, die sich zur gemeinsamen Arbeit zusammenschließen, durch die gemeinsame Idee, durch die Erziehung im gleichen Geiste und durch nachbarliches Zusammenwohnen zu einer solchen Einheit verbunden, daß sie den Vorteil der Gemeinschaft ganz wie ihren eigenen Vorteil empfinden und dementsprechend handeln. 6. Vor uns liegt noch in Palästina unbebautes jungfräuliches Land; noch ist seine Reinheit nicht getrübt worden durch die Machtgelüste der herrschenden Klassen, noch ist das reine Bild der Gemeinschaft durch ihren Einfluß nicht entstellt. Unsere gestaltenden Hände werden nicht behindert durch das schwere Gewicht versteinerter Formen und Traditionen der Vergangenheit. (Wieviel leichter haben wir es als die Bürger Europas, die erst die ungeheure und gefährliche Arbeit leisten müssen, den Koloß des Staates zu zerschlagen, um auf seinen Trümmern die wahren Gemeinschaften zu errichten!) Machen wir uns in Gedanken, bevor wir den Bau der neuen Heimat beginnen, frei von den Götzen, welche die Staaten Europas beherrschen, lassen wir uns das Bild des Staates* wie es unser sittlicher Wille und der unserer alten jüdischen Gesetzgeber vor unsere Augen gestellt hat, nicht durch Vorurteile trüben, mit denen der Bürger den heutigen Staat zu entschuldigen sucht. Diese Abhandlung versuchte eine Idee des Staates zu geben und unterwarf daher alle Lebenserscheinungen, auch die Wirtschaft dem sittlichen Wertbewußtsein. Daraus ergibt sich unsere Antwort an den nationalökonomischen Kritiker, der, auf die Unzweckmäßigkeit und Unrentabilität mancher hier aufgestellter Forderungen hinweisend, einen Kompromiß fordert: Nicht wir können die Forderungen der Sittlichkeit erniedrigen, indem wir sie der Wirtschaft anpassen, sondern ihr müßt danach streben, die Wirtschaft zu erhöhen, indem ihr sie in Einklang mit der Sittlichkeit zu bringen sucht. Wir wissen wohl, daß der Weg zu diesem Staate, abgesehen von allen politischen Schwierigkeiten, mühselig und nicht von heute bis morgen zurückzulegen ist Aber unsere Jugend wird den Mut finden, diesen an Beschränkungen und Entbehrungen reichen Weg zu gehen, wenn sie am Ende des Weges das leuchtende Ziel, die Idee zu schauen, gelernt hat. Man soll daher unsere Kinder nicht mehr lehren: wir wollen einen jüdischen Staat, sondern wir wollen den jüdischen Staat in Palästina. Die Idee des Staates, sein vollkommenes Bild müssen wir von früh an in die Herzen der jüdischen Kinder pflanzen. Den Kindern mancher Völker wird das Ideal des Nationalhelden, sein Leben und seine Taten, von frühester Jugend auf so nahegebracht, daß sie ihn lieben und nach seiner Größe streben; nicht anders sollte die Idee des Staates auf die Kinder wirken: sie sollen das Bild des vollkommenen Staates lieben lernen und werden aus dieser Liebe heraus seine Verwirklichung wollen und danach handeln. Berlin Siegfried Lehmann