Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Unsere nationalen Forderungen und die Friedenskonferenz
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101152-3104173--3024-3104205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UNSERE NATIONALEN FORDERUNGEN UND DIE FRIEDENSKONFERENZ In Paris hat sich ein permanentes Komitee gebildet, bestehend aus den Vertretern der jüdischen Nationalräte Osteuropas, Delegierten des amerikanischjüdischen Kongresses, der englischen Juden usw, Aufgabe des Komitees ist es, die sogenannte „jüdische" Frage vor die Friedenskonferenz zu bringen, d. h. die Forderung der Juden nach Gewährleistung nationaler Rechte in den Ländern jüdischer Massensiedlung im Osten, Die Arbeit des Komitees erfolgt zwar im engen Kontakt mit der zionistischen Delegation in Paris, immerhin tritt ausdrücklich zutage, daß es nach der Meinung der maßgebenden nationalen jüdischen Politiker in Paris zwei miteinander nicht verbundene jüdische Forderungen gibt, die „zionistische", die Palästina für die Juden verlangt, und die „jüdische", die sich auf die Golusforderungen der Juden bezieht. Beide Fragen werden in Paris getrennt behandelt, nur die erste ist bisher vor die Friedenskonferenz gebracht worden, und in den Ausführungen, die die zionistischen Führer vor dem Rat der Mächte gemacht haben, klang kein Wort von dem Verlangen nach nationalen Rechten in der Diaspora. Wie uns berichtet wird, haben wir gute Aussichten auf Durchsetzung der zionistischen Forderung auf Palästina. Um so ungünstiger scheint es um die Chancen der sogenannten „jüdischen" Forderungen bestellt zu sein. Nach allem, was man hört, ist man in den „maßgebenden" Kreisen wenig geneigt, dem Verlangen der Juden nach nationalen Minderheitsrechlen in den Ländern der jüdischen Masserisiedlung in Osteuropa Rechnung zu tragen. Die Ententepresse, die über die Palästinaforderung verhältnismäßig gut unterrichtet wurde und ihr zum guten Teil sympathisch, zum kleineren immerhin in verständnisvoller Würdigung gegenübersteht, hat für die „jüdische" Forderung, über die sie bisher überhaupt nicht informiert wurde, gar kein Verständnis, steht ihr ablehnend oder gar feindlich gegenüber. Zu einem Teil müßte die Schuld an einem negativen Ausgang unserer eigenen Politik zugeschrieben werden. Wir haben zu lange, und bei den Verhandlungen in London und Paris ausschließlich unsere Palästinaforderung als eine Forderung ex abrupto vorgetragen. Unsere Theorie und unsere Praxis sind an dem engen Zusammenhang, in dem das Verlangen nach nationalen Rechten in der Diaspora mit dem nach einem nationalen Zentrum in Palästina steht, vorbeigegangen, und tatsächlich werden ja auch die beiden Forderungen von uns in Paris getrennt und vollkommen unabhängig voneinander vorgelegt. Es ist klar, daß der Eindruck entstehen muß, wir selbst betrachteten die Forderung nach nationalen Minderheitsrechten als eine nicht unbedingt notwendige Ergänzung des Palästinaprogramms, das sich theoretisch begründen und tatsächlich durchführen lasse, auch ohne daß die „jüdische" Forderung herangezogen werde» Es ist das unklare Verhältnis, in dem die zionistische Bewegung zur fälschlich, sogenannten „Gegenwartsarbeit" immer gestanden hat, das jetzt bei Heft t/2, I