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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 550

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Organische Willensbildung im öffentlichen Leben
Date
1918-01-01
Page
550 (sequence 2)
Language
German
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Felix Weltsch: Auch in der Politik gibt es eine Pflege des Organischen. Man schafft Einrichtungen, räumt Hindernisse hinweg, verbessert die Bedingungen, damit das, was wachsen soll, wachsen kann. Gewiß können alle Vorbereitungen das Wachstum nicht herbeizaubern, und schon gar nicht ersetzen. Aber diese Erkenntnis darf uns nicht dahin treiben, alle Organisationen aufzugeben, die Hände in den Schoß zu legen, bis das von selbst wächst, was man gerne wachsen sehen würde. Es gibt aber auch Organisationen, Veranstaltungen, die das Wachstum stören können. Es wächst dann wohl etwas, aber verkrüppelt, ungesund. Die Entwicklung wird unorganisch. So unorganisch geworden sind die parlamentarischen Repräsentationen Europas; die Institutionen, welche hier den Willen des Volkes bilden sollen. Sie sind Resultanten widerstrebender Kräfte, entstanden am zufälligen Orte des geringsten Widerstandes; daher nicht von der Wurzel aus gewachsen; daher unorganisch. Und so sind sie auch weit davon entfernt, das eigentliche politische Kernproblem zu lösen: Wie kann der reale Wille des Volkes gebildet und wie zur Geltung gebracht werden? Für sie ist der Wille des Volkes nur ein Aushängeschild, eine schöne und praktische Draperie, aber keine Wirklichkeit. Darauf weist schon ihre Entstehungsgeschichte hin. Geldnot zwang die Herrschenden, den Beherrschten geschenkweise zu gestatten, ihren Willen zu äußern: nämlich den Willen, Steuern zu zahlen; auf den kam es ursprünglich an. Und aus diesem Willenskeim bildete sich im Laufe der Geschichte, in unregelmäßigem Tempo, durch weitere Geschenke von oben gemehrt, durch plötzliche Eruptionen von unten vorwärtsgestoßen, der politische, gemeinsame Wille des Volkes. So wuchs er nicht natürlich und harmonisch, sondern einseitig, nach der Quantität hin, durch einfache Vergrößerung des Kreises des Wahlberechtigten, bis das Endziel dieser Entwicklungsrichtung, das allgemeine und gleiche Wahlrecht, erreicht war. Die Unwirklichkeit der Beziehung zwischen dem parlamentarisch gebildeten und dem wahren Willen des Volkes hatte sich aber trotz aller quantitativen Verbesserung nicht geändert. Das Parlament blieb stets ein Gebilde, von dem man verlangt, daß es politische Beschlüsse faßt, die durch das irgendwie dahinter stehende Volk gedeckt und so unter die Verantwortlichkeit Aller gestellt sind. Über die Art dieses „Dahinterstehens", über die Realität der Beziehung zwischen Volk und Parlament hat man sich selten Sorgen gemacht. Es genügte immer die lose und vage Verbindung durch einen höchst problematischen Wahlakt, um so mehr, als das Funktionieren des Parlaments — nämlich als fixe Beschlußmaschine — keineswegs von der Intensität dieser Verbindung abhing; im Gegenteil, je loser diese war, desto schmiegsamer und leichtbeweglicher war das Parlament. So konnten die europäischen Repräsentativsysteme entstehen, die sich wohl demokratisch nennen, in Wahrheit aber keineswegs imstande sind, den wahren Willen des Volkes darzustellen. Vor allem bietet die bloße Wahl eines Abgeordneten, die einmal in ein paar Jahren erfolgt, dem Einzelnen nicht die genügende Möglichkeit, auf die Bildung des Gesamtwillens mit seiner ganzen Persönlichkeit einzuwirken. Die Verbindung zwischen dem Willen des Wählers und dem des Gewählten durch den Akt der Wahl ist viel zu zart, als daß eine ständige Überleitung, also eine

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