Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Gerechtigkeit und Liebe
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 537 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101148-3104031--2947-3104088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gerechtigkeit und Liebe 537 suchen. Uns ganz hingeben. Die Welt ist unbegreiflich und unberechenbar. Menschliche Wahrheit und menschliche Lüge liegen eng beieinander in Nichtigkeit. Die Schuld ist unausweichlich. Die Vergeltung hat kein Ende und verstrickt uns immer tiefer ins Böse. Hier kann man nicht richten und rechten, nur verzeihen, nur lieben, sich opfern iri Liebe und vertrauen. So standen, nachdem das jüdische Volk tausendmal jung gekämpft hatte und tausendmal zerschmettert worden war und ein Elend wie ein schleichendes Fieber durch die Welt ging, jüdische Männer auf — es war vielleicht wie heute: Krieg, Pogrom, Unterdrückung und erdrosselter Widerstand und kein Ende der Gewalt — und sie sagten: Die ihr glaubt gerecht zu sein, seid nur selbstgerecht; das Leiden ist unendlich, es nützt nichts, zu widerstehen, nichts, Gerechtigkeit und Vergeltung zu suchen, reißt die Kette der Vergeltung ab! Die euch auf die linke Wange schlagen, reicht ihnen auch die rechte hin! Verzeiht! Und lebt nur noch für den Andern! Dies Prinzip der Liebe ist das spätere, ein Reaktionsprinzip, und es erinnert, wie der Selbstmord ein Reaktionsprinzip der Selbsterhaltung ist. Und kann man wirklich für den Andern leben? Kann die treueste Mutter, die es tausendfach wünscht, für ihr Kindchen die Zahnkrämpfe durchmachen, im Keuchhusten blau werden und den Atem verlieren, krächzen, sich namenlos quälen mit kleinen blauen Lippen und erschreckend alten, wissenden Augen? Und wenn es sterben muß, und die Mutter es noch so heiß erfleht, kann sie dafür sterben? — Wir können für niemanden leben und sterben. Und für den Wasserkopf haben wir keine Weisheit gesammelt, für den Blinden keine Farben und den Tauben keine Töne. Jedes Wesen muß selbst sein Leben von Anfang bis zu Ende tragen. Fest verrammelte Festungen sind wir gegeneinander. Und wer glaubt, für etwas Anderes zu sterben, der stirbt nur sich selbst. Subjektiv begrenzt, können wir in der Tat weder absolute Gerechtigkeit noch absolute Liebe üben. Aber — und verstehe ich nun recht, was Du damals meintest, als Du von den zwei Prinzipien sprachst? — das ist die aufrecht erhaltende Elastizität des jüdischen Lebens, sein innerer lebendiger Kreislauf, daß der Mensch, unfähig, absolut gerecht zu sein, umbricht, sich in der absoluten Liebe aufzugeben, die ebenso unmöglich ist. Die jüdische Mystik ist nicht, wie Achad-Haam will, der jüdischen Seele von außen angeflogen, sondern ist die notwendige wunderbare Reaktion eines Lebens, das immer wieder in der eifernden Verfolgung der Gerechtigkeit enttäuscht zusammenbricht. Im Leben gibt es nur Schwankende. Und nur der Gleichgültige, der Lügner ohne Wissen, leugnet nicht. Haarscharfe absolute Gerechtigkeit und mystische absolute Liebe — um zwei gleich unerreichbare Pole kreist der jüdische Geist in ewiger Lebendigkeit War es das, was Du meintest? Zürich Abraham Suhl