Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Gerechtigkeit und Liebe
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 536 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101148-3104031--2946-3104087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
536 Abraham Suhl: Aber das war später, nach dem Zusammenbruch. Vorher hattest du anders gesprochen. Da gab es für Dich nur ein Prinzip auf der Welt. Und der Schluß des „Brand": Er ist deus caritatis! mißfiel Dir ganz. Hier hatte, nach Deiner Meinung, selbst Dein damaliger Abgott Ibsen den „Goi" gezeigt, sich selbst zum Schluß nicht verstanden. Wie war Dein Weg damals gerade und wie sicher Dein Schritt und Deine Augen grau und hell. Und als wir zusammen Achad-Haams Aufsatz von den Schwankenden lasen, wie begeisterten wir uns an dem Gedanken des Judentums, der absoluten Gerechtigkeit, abstrakt, unpersönlich, ohne Sentimentalität, ohne Affekt, ich verpflichte niemanden, ich bin niemandem verpflichtet, die reine, kühle, ewige Wahrheit. Muß man es jemandem danken, wenn er feststellt, daß zwei mal zwei vier ist? Darf man jemandem zuliebe es fünf sein lassen? Unbeugsam ist die Gerechtigkeit. Und unbeugsam war Deine eifernde Seele. Aber da kam vieles. Und da kam eine kleine Frau. Ihr Blick war fern, ihr Schritt war leicht. Sie war ein Kind. Jeder Morgen stand mit einer andern Sonne auf. Sie machte Dein Wetter. Sie war voller Launen und Affekte. Ein böses Kind, das nichts von Deiner Gerechtigkeit wußte, von Ewigem und Absolutem, und fünf sein ließ, was vier war, wenn es ihr gut zu Gesichte stand. Da wurdest Du bleich und mühtest Dich ab und wolltest Wasser in einem Siebe sammeln. Und siehe, Du wurdest selbst wirr; der Zorn verwirrte Dich, der Haß, die Liebe und die Leidenschaft. Und Du wußtest selbst nicht mehr, was gerecht war, und hieltest doch unbeugsam fest daran, daß nur Gerechtigkeit geschehen dürfe. Und das Leben versetzte Dir einen Schlag um den andern, erschütterte Dich in der Wurzel Deiner Kraft, warf Dich zehnmal zu Boden, wenn Du Dich zehnmal erhobst, und als Du auf der Erde lagst, ging ein schüchternes Lächeln durch Deine trüben Augen und Du sagtest: Und vielleicht muß man doch verzeihen und lieben? abschneiden die endlose Kette der Vergeltung, daß Unglück nicht mehr Unglück gebären kann? Und eine Zeit später sprachst Du dann von den zwei Prinzipien im Judentum und wolltest es vielen sagen. Unsere Wege sind aber auseinander gegangen und ich habe nichts mehr davon gehört. Und wenn ich so denke, scheint mir, daß ich Dich verstehe, daß der Entwicklungsgang Deiner Gedanken ein typischer war, daß sich bei Dir als Einzelnem in derselben Reihenfolge abgespielt hat, was im jüdischen Volksgeist vor Jahrtausenden vielleicht so vor sich ging und auch sonst öfter geschah. Der Gedanke der Gerechtigkeit ist der frühere, der unmittelbare, der sich logisch aufzwingt, das natürliche Ideal. Und doch übermenschlich groß. Wer im Leben gerecht zu sein glaubt, ist meist nur selbstgerecht und rechthaberisch. Denn das Leben ist unendlich, und der Mensch ist klein, seine Begriffe sind schwach und seine Maßstäbe nichtig. Auch kennt der Blitz kein Recht, und die menschliche Leidenschaft ist sein Bruder. Nur ungeheurer Hochmut kann glauben, gerecht zu sein, sich selbst belügen und sagen, er wisse endgültig und immer.das Rechte. Und das Leben zerschellt diesen Hochmut. Und wenn wir leiden und leiden machen und nicht wissen warum, am Boden liegen, nachdem wir unermüdlich Gerechtigkeit gesucht haben, hart waren gegen uns und andere, und doch nicht wissen, ob das alles nicht gerade höchst ungerecht war, da richtet uns ein anderer Gedanke auf: der der Liebe. Wir wollen aufhören zu rechnen, die wir uns doch immer nur verrechnen. Nicht mehr die Grenze