Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Entgegnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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530 Arnold Zweig: Satzes schneidet alles in Stücke, was er darlegt: diametralster Gegensatz von Läuterung der Seele und emsiger Organisation, Man würde das nicht erst erwähnen, weil ein jüdischer Prophet und ein „jüdischer" Aktivist miteinander nicht mehr Gemeinsamkeit haben können als der Drang nach Gerechtigkeit und ein linealischer Schienenstrang — beide streben der Unendlichkeit entgegen, jener wirklich, dieser in Anführungszeichen — wenn nicht Kaysern damit gesagt sein sollte, es habe ein Satz des Jeremjahu, des vibrierenden Riesen mit dem Herzen, torweit, welches das Volk einsaugen und ausspeien möchte, sich das Anrecht auf Respekt erworben und brauche es sich nicht gefallen zu lassen, über jeden modernen Einfall gesetzt zu werden. Würde doch Kayser selbst nicht umhin können zu lachen, wenn ein Flugblatt gegen Straßendemonstrationen als Motto dies sophokleische trüge: „O Liebste, du, des Weibs, Jokastes Haupt! Was riefest du heraus mich von den Häusern?" Aber wer verlangt auch Ehrfurcht vor der jüdischen Antike wie vor der hellenischen? 2. Nicht die Gemeinschaft ist der geometrische Ort des Geistes — wenn ich diesen vagen Ausdruck richtig auf den Ort deute, da der Geist gelebt wird — sondern das Leben des einsamen Menschen. Vor der Fülle der Forderung des Herzens nach dem rechten Leben ist der Mensch zuerst allein. Ohne daß er seine Impulse, Antriebe, sein Aufnehmen, seine lebenformenden leidenschaftlichen Wallungen zunächst wie zuletzt gegen dies eigene Herz richtet, reift er nicht. Zum gerechteren, reineren, vollkommeneren Leben pilgert man nur mit dem Menschen, den man liebend findet, und ihn zu finden, ihm Mut zu machen, muß man schon sehr lange gegen sich selbst streng gewesen sein. So gilt dies aber von Jedem. Zusammen finden sich Menschen nur, Gemeinschaft bildet sich nur, wenn die Wege der Menschen sich frei vereinen, weil sie aus den gleichen Richtungen herkommen. Darum ist die letzte und eindringlichste Wirklichkeit der Nation: die Seele der Menschen, die vorletzte aber: das gleiche Blut, die gleiche Vergangenheit, die gleichen Antriebe und Hemmungen und die gleichen eingeborenen Ziele. Die vorletzte Wirklichkeit der Nation ist das Volk. Volk ist amorph und unbewußt, was Nation kristallinisch und bewußt ist. Gemeinschaft entsteht auf Grund identischen oder ähnlichen Verhaltens vor dem gleichen Erlebnis. Darum besteht zwischen uns und jenen keine Gemeinschaft, die da sagen können, die Gemeinschaft ,,gebe die Befehle zum Liebeswerk." Dieser Ton ist unseren Ohren widerlich und empört unser Wissen von der unbedingten Freiwilligkeit jedes Liebeswerkes. Darum scheidet uns eine unüberbrückbar schmälste Kluft, diejenigen, die da wissen, daß eine Gemeinschaft zur Genossenschaft wohl entarten kann, indem der lebendig vereinende Geist innerer Einheit erlischt und das krasse Surrogat, der elende Notbehelf der Organisation („des Befehls") ihn ersetzt (lebendiger Arm — Prothese) und diejenigen, die solche Entartung gleichsetzen mit dem Aufsteigen vom Erlebnis zur Tat. 3- Es kann nicht der Sinn dieser Zeilen sein, den vorher gedruckten Kayserschen Aufsatz systematisch durchzugehen und zu scheiden, was darin wahr und was falsch gesehen ist. Denn obwohl ich ihn keinesfalls als Leistung eines Individuums