Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Ein jüdischer Ingenieur
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Ammiel Maccär: Ein jüdischer Ingenieur die Industrie für seine Erfindung zu interessieren mißlungen waren, sich entschloß, diese in einem versiegelten Manuskript der Wiener Akademie der Wissenschaften zu übergeben, schrieb er darin, bereits 1862, er hoffe durch seine Erfindung, „daß vielen heute noch von Pauperismus heimgesuchten Gegenden hierdurch Hilfe geleistet und auch anderseits das soziale Leben im allgemeinen angenehmer und veredelter gestaltet werden könnte**. Hier ist also das anerworbene sensorische - mit dem ursprünglichen motorischen Wesen Poppers durchgegangen! Auch später, bei der Veröffentlichung seines Manuskripts, schrieb er, daß „ihm die Hervorhebung der sozialökonomischen, ethischen Tendenz, die in dem betreffenden Aufsatze zum Vorschein kommt, die eigentliche und Hauptbefriedigung gewährt**. Also auch das „Erlebnis der Tat** war bei ihm stärker als das „Erlebnis der Gestalt*' (Buber). In seinem Buch „Die technischen Fortschritte nach ihrer ästhetischen und kulturellen Bedeutung** weist Popper nach, daß die technischen Fortschritte nur ein ästhetisches Gefühl befriedigen, da man doch auch Dreadnoughts, Luftschiffe und Mörser bewundert, die ja fast ausschließlich zum Menschenmorden bestimmt sind. Ästhetische Gefühle sind aber nicht notwendig mit ethischen verbunden, sondern es ist oft das Umgekehrte der Fall. Insofern sind es nicht die technischen Fortschritte allein, die den ethischen Fortschritt der Menschheit mit sich bringen, sondern die sozialen Institutionen, die sich dieser technischen Fortschritte bedienen. Aus diesem Geiste heraus, schrieb er 1873, „ist mir auf der Wiener Ausstellung der Zweifel aufgestiegen, ob all dieses Treiben, Hasten und Jagen, Glänzen und Erfinden nur seine guten Seiten habe, und namentlich, ob dies alles imstande sei, unser Gemüt zu sättigen und unsere Zufriedenheit herbeizuführen oder gar zu erhöhen. Seither dachte ich immer, wenn irgend eine neue, selbst große technische Leistung, namentlich eine solche Erfindung, auftauchte: Was wird eine Stunde nachher sein? Wie wird sich die Welt, das menschliche Leben dadurch ändern? Und immer mehr fühlte ich heraus, daß wir in neuerer Zeit uns von derjenigen Seite unserer Kultur, die wir überhaupt „Fortschritt** nennen, so sehr hypnotisieren lassen, daß wir gar oft darüber den Menschen vergessen, ja sogar ihn absichtlich zurücksetzen.'* Aus diesen Äußerungen Poppers und aus der Betrachtung dieser seiner Werke nährt sich unsere Ahnung, daß der jüdische Techniker der Zukunft eine vollkommene Synthese des sensorischen und motorischen Typus, von okzidentalem und orientalem Wesen darstellen wird; daß seine spezifisch jüdische Berufstragik sich dahin auflösen wird, daß er nicht mehr für irgend eine G. m. b. H., sondern für die Gemeinschaft, deren Mitglied er ist, also auch für sich selbst arbeiten wird; daß er seinen Beruf nicht mehr als Mittel zum Broterwerb betrachten wird, sondern als Mittel, der Gemeinschaft zu dienen, von deren Institutionen, sei es Nährarmee (nach Popper) oder andere soziale, sozialistische oder kommunistische Anstalten, er seinen Lebensunterhalt bekommt; und daß er sein Lebensglück nicht mehr darin finden wird, möglichst viel Vermögen zu erwerben, sondern darin, möglichst viel der Gemeinschaft zu dienen, die technischen Fortschritte zur Hebung des körperlichen und geistigen Wohlstands der Gemeinschaft und somit seiner selbst zu erstreben. Eine freudige Ahnung von der Wirkung der jüdischen Technik im jüdischen Lande erfüllt uns vor der Erscheinung Josef Poppers und wir stehen vor seinem Lebenswerk wie vor einer Offenbarung. Einem neuartigen Geschlecht von jüdischen Ingenieuren geht er voran. Berlin-Halensee, November 1918 Ammiel Maccär