Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Ein jüdischer Ingenieur
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101147-3103956--2879-3104012- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein jüdischer Ingenieur 483 betrachtet stellt sich aber der Deutsche Max Eyth als ein echter sensorischer, der Jude Popper als ein echter motorischer Typus heraus. Allein die Titel ihrer Hauptwerke ,;Hinter Pflug und Schraubstock" und „Phantasien eines Realisten" kennzeichnen völlig den Unterschied. Eyth steht in seiner Werkstatt bei seinem Schraubstock und schaut, und es entstehen die Bilder: „In der Gießerei", „Die Schmiede", „Der Monteur" u. a. („Ein Eindruck fällt in seine Seele und wird zum Bilde.") Oder er durchquert die Welt hinter seinen Dampfpflügen und schildert sie, und es entsteht z. B. die Erzählung „Berufstragik", worin der Erbauer einer gewaltigen Brücke zusammen mit seinem den Naturkräften nicht standhaltenden Werke zugrunde geht. (Die Berufstragik des sensorischen Menschen entsteht demnach daraus, daß das Weltbild, das er sich zurechtgemacht hatte, ein trügerisches war.) Die Erzählungen Poppers sind dagegen fast alle frei erfunden und nur der Stoff einiger von ihnen seinen nächtlichen Träumen entnommen. Über seine Absichten und seinen Stil schreibt Popper in seiner Selbstbiographie: „Ich nahm mir vor, alle menschlichen Vorgänge so zu beschreiben, wie der Naturforscher Naturvorgänge konstatiert" ... Man würde also Dichtungen von rein sensorischem Charakter erwarten. Aber gerade hier zeigt sich der motorische Charakter Poppers. Er wählt, wie er selbst gesteht, diese trockene, kühle, oft gruselige Form, um seine eigene Erregung zu bergen, und bedient sich dieser naturforschenden Methode, um sich über die ursächlichen Zusammenhänge der bösen menschlichen Handlungen und der tragischen Geschehnisse klar zu werden und um dann, erleichtert, sich sagen zu können: die Menschen haben ja keinen freien Willen, ihre Handlungen sind determiniert, „sie können ja nicht dafür". Wir sehen also: Popper „trägt die Wahrheit im Kern seines Lebens und findet sie in der Welt, indem er sie ihr gibt"' (Buber). Er erfindet die Geschichten, in die er seine Wahrheit legt. Daß manche Erzählungen Poppers in chinesischem Geist und auch in chinesischem Stil geschrieben sind, daß Popper sich von seiner frühesten Jugend an von der chinesischen Kultur und von der Lehre des Konfuzius angezogen fühlte, ist /bei seinem anerkannt orientalischen Wesen nicht mehr zu verwundern. Auch das von Popper in seinem erwähnten Buch über Bismarck zitierte Wort eines Orientalen ist dazu charakteristisch: „Ihr Abendländer seid trotz aller eurer Wissenschaft uns gegenüber doch nur wie unartige Knaben: Ihr seid auffahrend und habt keine Gerechtigkeit und keine Pietät". Die Berufstragik bei Popper und beim motorischen Typus entsteht, wenn er wegen der Widerstände, die er auf seinem Wege findet, die innerlich geschaute, wahre Welt nicht verwirklichen kann. Bemerkenswert dazu sind die folgenden Zeilen Poppers: „Wenn man sich nun die Mühseligkeiten und Gefahren schon bei der Verbreitung der Kesseleinlagen (eine Erfindung Poppers) erinnert und bedenkt, daß ich mit den Montierungen und Reisen für beide technischen Erfindungen mehr als 25 der besten Jahre meines Lebens verbrachte, sie also für wissenschaftliche oder schriftstellerische Arbeiten verlor, so wird sich wohl jeder, der das liest, glücklich schätzen, der irgendwelche geistigen Ziele verfolgt und pekuniär so gesichert ist, daß er solche Zeitverluste nicht nötig hat!" Seine „Phantasien" sind auch großenteils auf seinen Reisen, in den Eisenbahnwagen, in Hotels und Restaurants entstanden, inmitten des für ihn so harten Kampfes ums Brot. Auch dazu paßt Bubers Wort: „Er fühlt sich zu jenem berufen, aber in dieses eingebettet . Das orientalische und besonders das jüdische Wesen Poppers erhellt aber am deutlichsten aus seinen sozialen, sozialpolitischen und sozialethischen Schriften, wenn sie auch nicht alle im Geiste des Judentums verfaßt worden sind. Ob