Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Soziale Steintafeln
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 463 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brod: Grenzen der Politik 463 Beispiel von Tel-Awiw hätte sich nicht ereignet, wenn der Nationalfonds seinen Satzungen treu geblieben wäre. Und da er es nicht war (die bona fides mag deren Sachwaltern zugebilligt werden!), so ist das Beispiel Tel-Awiws doppelt gefährlich; erstens weil das an sich äußerlich schöne Beispiel rasch Nachahmer finden wird, zweitens weil die Schäden progressiv steigen werden. Das Einfachste ist, mit dem Prinzip des Gemeineigentums am Boden das organisatorische Grundprinzip zu vereinigen: das Genossenschaftsprinzip. Darauf können wir hier nicht näher eingehen; wir wollen nur nochmals betonen, daß der biblische und nachbiblische Schatz in voller Reinheit und bei Berücksichtigung des Menschen- und Bodenmaterials dem jüdischen Volke wiedergegeben werden muß. Denn (und hier zitieren wir schon einen Sozialisten der neueren Zeit) Saint-Simon hat in jedem Wort recht, wenn er sagt: „Das Gesetz, das die Befugnis und die Regierungsform bestimmt, ist nicht so wichtig, hat nicht soviel Einfluß auf das Glück der Völker, wie dasjenige, das die Eigentumsrechte bestimmt und ihre Ausübung regelt" Przemysl Max Rosenfeld GRENZEN DER POLITIK Zur Prinzipienfrage Die Aufgabe und universale Bedeutung des jüdischen Nationalismus sehe ich darin, dem Begriff „Nationalismus" einen neuen Sinn zu geben. Und zwar durch die Tat, nicht durch Debatten. Durch Schaffung eines vollkommenen Gemeinwesens in Palästina. Durch Abschaffung sozialer Ungerechtigkeit und imperialistisch-expansiven Wollens in diesem Gemeinwesen, womit ein lebendiges Beispiel gegeben würde, daß diese heute mit dem Nationalismus verknüpften und ihm angeblich wesensnotwendigen Mißstände — eben doch abschaffbar und nicht wesenhaft-national sind. Diesen unsern Hoffnungen nun stehen nicht nur die Einwände praktischer Schwierigkeit, sondern mit noch hemmenderer Gewalt jener eine, große, theoretische Einwand entgegen, den man als den kat exochen christlichen Einwand gegen jede mögliche Politik bezeichnen kann („Mein Reich ist nicht von dieser Welt"), — dieser Einwand, der durch die wahrhaftigsten, stillsten Stunden unserer Jugend schleicht und der gerade während des Krieges, unter dem Eindruck des überwältigenden Versagens aller Politik, des scheinbar Notwendig-Unmenschlichen in jeder politischen Dialektik, eine geradezu schrankenlose Herrschaft über die Gemüter erlangt hat, so daß Franz Werfeis Essay „Die christliche Sendung" (in der „Neuen Rundschau", nachgedruckt im Ziel-Jahrbuch „Tätiger Geist") als feurige Zusammenfassung einer latent allgemeinen Mißstimmung gegen politisches Wirken überhaupt empfunden werden konnte. Den schärfsten, d. h. fundiertesten Ausdruck dieser antipolitischen Strömung finde ich in Max Schelers Unterscheidung von „Anspannung" und „Entspannung" als den beiden Grundmöglichkeiten des Menschtums (Abhandlungen und Aufsätze I, 19). Der Held der Anspannung mißtraut dem Sinn und Gang der Welt, er vertraut sich selbst und seinem Willen allein. Sein Ideal ist, sich selbst und die Welt „in die Hand zu nehmen". Wer dagegen den Weg der Entspannung geht, vertraut der Welt, und in diesem Vertrauen gibt er sich auf,