Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 449 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Amitai: Chronik. 449 prinzip des Religionsfriedens von Münster nicht für die Nationalität wiederholen. Dazu fehlt auch jede psychologische Voraussetzung: die vielfach größeren Schrecken dieses vierjährigen Krieges, mit denen die des Dreißigjährigen Krieges keinen Vergleich aushalten können, lassen jede Anwendung von Gewalt, auch der nicht ausgesprochen physischen, als unmöglich erscheinen. Niemand darf es künftighin verwehrt sein, sich zu der Nation zu bekennen, der er angehören will. Eine Politik, welche die nationale Bekenntnisfreiheit vergewaltigen und fälschen wollte wie einst die religiöse, wäre, von ihrer Unmoral ganz abgesehen, früher oder später zum Scheitern verurteilt. Auch dies hat der Weltkrieg unwiderlegbar bewiesen. PraS Albrecht Hellmann CHRONIK Die deutsche Revolution ist der erste gewaltige Auftakt der beginnenden Liquidation des Krieges, und dieser Auftakt zeigt, von welchen Dimensionen und Wirkungen die Einzelphasen dieser Liquidation sein werden. Für uns Juden wird diese letzte abschließende Phase des Krieges von unabsehbarer Bedeutung werden, in ihrer zukunftbestimmenden Wirkung von größerer, entscheidenderer Bedeutung vielleicht noch, als es die Kriegsjahre selbst waren. Aber auch davon abgesehen wird aus inneren Motiven unsere Beziehung zu den Geschehnissen dieser Liquidationszeit intensiver, vor allem positiver sein, als. sie es zum Kriege selbst war. Wir waren am Kriege innerlich nicht beteiligt; als kollektive Gruppe hatten wir nichts mit ihm zu tun, als jüdische Individuen lehnten wir ihn ab wie jede Gewalt. Die Zeit, die beginnt, wird uns innerlich näher stehen. Sie wird revolutionär sein und aufbauend, reinigend und schöpferisch. Wir werden uns ihr verwandt fühlen in den Ideen, die sie leiten, und den Zielen, denen sie zustrebt; sie wird den Geist gegen die Gewalt setzen, das Recht gegen die Macht, den Völkerfrieden gegen den Völkerkrieg, und wir werden wissen: hier wirkt jüdisches Ethos und jüdisches Pathos. Es kommt wiederum eine Zeit des Durchbruchs jüdischen Geistes in der Welt, eine Zeit, da die Menschheit einen Schritt nach vorwärts tut zu ihrer Selbsterlösung. Wie könnten wir da abseits stehen, auch wenn es um die Neuordnung des Daseins der anderen Völker geht? Mitleben werden wir diese Zeit, positiv und bejahend, in vollem Bewußtsein, daß wir Enkel der Propheten sind. — Dieses Prinzipielle enthält schon das Wichtigste über unsere innere Stellung zur deutschen Revolution. Wie begrüßen sie; aus dem Innersten unseres Wesens und aus dem immanenten Geist unserer Geschichte. Nicht, weil sie auch uns von Wert ist, uns Besserung unserer Situation bringt, sondern weil sie ein Sieg des Geistes ist, der Freiheit und Gerechtigkeit will. Noch ist dieser Sieg nicht vollkommen; noch ist der geistige, positive, schöpferische Charakter der deutschen Revolution nicht gesichert; weil sie, von ihren unmittelbaren Ursachen aus gesehen, weniger das Werk positiv geistiger Tendenzen als negativer Kräfte der Unzufriedenheit und der Enttäuschung, des Hungers und der Niederlage war. Immerhin: geistige Kräfte und Zielsetzungen haben in ihr mitgewirkt; geistige Kräfte werden noch stärker bei der Erfüllung ihrer zentralen positiven Aufgabe mitwirken, beim Aufbau des neuen deutschen Staatswesens.