Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 442 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Albrecht Hellmann: nie aufgehört haben, dieses Land als unsere, uns verheißene und von uns zu keiner Zeit und durch keinen Verzicht preisgegebene Heimat zu betrachten. Die Gewalt, die uns unseres Landes beraubte, hat uns auch bisher verhindert, wieder dahin zurückzukehren, und unser Anspruch darauf ist daher unverjährt. Allein stärker als auf diese Gründe historischen Rechts und unveränderlich lebendiger Sehnsucht stützt sich unser heutiger Anspruch auf die zwingendsten Lebensbedürfnisse breiter Massen unseres Volkes. Die letzten Wochen haben alle Galuthideologien gründlich zerstört; das wäre zwar nicht so rasch, aber ebenso sicher gekommen, wenn statt der furchtbaren Pogromwelle, die jetzt Polen, Galizien, Rumänien, Ungarn, Böhmen und Mähren heimgesucht hat, nach Friedensschluß nur der unterirdische, der wirtschaftliche Pogrom: Boykott, Nationalisierung der Wirtschaft, Verdrängung aus den öffentlichen Berufen usw. begonnen hätte, den wir ja noch zu erwarten haben. Sämtliche Galuththeorien haben übersehen, daß ein auch nur normales Volksleben ohne Durchsetzung seiner primitivsten Voraussetzung, der Selbstbestimmung gegenüber den anderen Nationen, die faktisch jedes als geschlossene Mehrheit lebende Volk besitzt, unmöglich ist. So wenig ein auf eigenem Boden siedelndes Volk, das seinem Angreifer nicht durch Siedlungsweise, Zeugungskraft und an innerem Zusammenhang allzusehr unterlegen ist, von diesem depossediert werden kann, kann eine Minorität ohne den Rückhalt eines starken Zentrums wirksam geschützt werden. Dieses Zentrum kann daher nicht nur ein geistiges sein, das höchstens die moralische Widerstandskraft der abgesprengten Volksglieder heben und stärken könnte, es muß auch politisch wirksam sein, Darum ist es nicht wahr, was auch oft von zionistischer Seite behauptet wird: daß der Zionismus nur eine Teillösung des jüdischen Problems bringen könne. Diese Ansicht faßt den Begriff des Zionismus viel zu eng und versteht darunter nur alle auf die reine Palästinakolonisation abzielenden Bestrebungen. Der in früheren Jahren so heftig geführte Streit zwischen „praktischem** und „politischem** Zionismus, der nichts mehr als ein Kampf um die zionistische Methode, nicht um das Ziel war, hat da eine arge Begriffsverwirrung angestiftet. Der Zionismus in seiner Zielsetzung ist durchaus politisch und nicht praktisch-kolonisatorisch. Daß die Massen, die jetzt neuerlich flüchten mußten, die gemordet, verletzt und ausgeplündert wurden, nicht sämtlich nach Palästina verpflanzt werden können, daß die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes weiter in der Diaspora leben wird, bedeutet nur im Sinne eines extrem „praktischen** Zionismus, der in seinem leeren Doktrinarismus fast bloß in den Köpfen der jüdischen Nurnationalisten existiert, eine teilweise Lösung der jüdischen Frage. Der Zionismus, der durch die Errichtung einer nationalen und ein selbständiges Subjekt des Völkerrechts darstellenden Heimstätte die Schaffung eines politischen Zentrums des jüdischen Volkes anstrebt, ist eine Totallösung. Die Minorität, die ohne den Zusammenhang mit ihrem „Schutzstaat*1, welcher der von der eigenen Majorität gebildete oder beherrschte Nationalstaat ist, einer fremdnationalen und feindlichen Mehrheit auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist, ist schutzlos, denn sie ist keine gleichberechtigte, heute noch nicht einmal staatsrechtlich, geschweige denn völkerrechtlich anerkannte Vertragspartei. Der kommende Friedenskongreß in Paris als Vollstrecker der vierjährigen Weltrevolution, diese Nationalitätenversammlung von gleich epochaler Bedeutung wie ihr Vorgänger und Erblasser, die Pariser Nationalversammlung der französischen Revolution, soll nach der Verkündung der bürgerlichen Emanzi-