Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Antisoziale Unart
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 207 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 207 bewiesen, daß es ihm ernst war mit einer Torheit, vor der jetzt andere gewarnt sind. Antisoziale Unart ist es aber, wenn solche Leute, die sich mit keiner Partei, mit keiner positiv schaffenden Organisation identifizieren können, die Hände in den Schoß legen. Das ist in allen Lagern gleich, der jüdischen Sache aber schadet diese Unentschiedenheit um so mehr, als sie in ihrem Passivismus bestärkt wird durch jene antisoziale Scham, von der schon die Rede war. In dieser Unentschiedenheit hat die Scham, die sich ihrer selbst oft nicht bewußt ist, ein willkommenes Deckmäntelchen: man nennt sich um alles nicht assimiliert, man nennt sich aber auch nicht jüdisch-national, und wer Zionist (solcher Art) ist, glaubt "genug getan zu haben, wenn er seinen Schekel bezahlt hat — eben darum, weil man mit keiner der Parteien :■ durch Dick und Dünn gehen kann. Dies also ist die antisoziale Unart, daß sich soziale Menschen in einem entscheidenden Kampf, dessen Bedeutung sie wohl kennen, untätig auf die Seite stellen. Sie haben die soziale Pflicht, sich dort anzuschließen, dort mitzukämpfen, wo man ihren speziellen Wünschen relativ am nächsten kommt: in diesem Kreis mögen sie, wenn sie die Kraft dazu haben, neue Wege weisen. Da sie bisher beiseite saßen, hat man.. einiges Recht, an dieser Kraft zu zweifeln--aber vielleicht fehlte es nur an einem „Kreis", an einem Wirkungsfeld , .. warum kommen sie nicht?! Das „Feld" ist offen! Manche kommen nicht, weil ihnen die Form des politischen Kampfes nicht benagt» weil ihnen dieser und jener nicht behagt, der mit im Kreise sitzt. Das sind zum Teil auch die Hochmütigen, die Max Brod in seinem Aufsatz sehr schön charakterisiert, wenn er Leute treffen will, die im Parteileben nicht ihren eigensten Talenten gemäß sich beschäftigen können; Brod sagt sehr richtig: „das Judentum ist in höchster Not.. . daß aber jede Begabung sich in den Grenzen ihrer höchstmöglichen Nutzentfaltung auszuleben hat, das ist nur eine besonders raffinierte Form des seelischen Egoismus und durchaus kein unbedingtes Bedürfnis des jüdischen Volkes." Aber noch viel entschiedener als gegen solch »ehrenwerten Hochmut" muß man gegen einen viel weniger ehrenwerten Hochmut Front machen, der das Parteileben immer wieder beschuldigt, seine äußeren Formen seien unreinlich und oft unanständig. Wer möchte das bestreiten?! Aber meidet man einen einzig gangbaren Weg, weil er nicht mit Teppichen belegt ist? Wer sich einen eigenen bauen kann, mag es immerhin tun. Wer es nicht kann, muß die breite Straße gehen. Es bleibt seine persönliche Sache, sich so sauber wie möglich zu halten! Sich selbst — und wenn er's will und vermag, auch den Wegl Ernst Guggenheim Mose Drei Zitate In den Tagen, in denen dieses Heft zusammengestellt wurde, bekam ich drei Druckschriften in die Hand: die erste, das Büchlein „Österreich und der Mensch" von Robert Müller, erstand ich in einem Laden, die zweite, Hans Blühers „Die Intellektuellen und die Geistigen", schickte mir der Verfasser, die dritte, Kürnbergers Sätze vom „Größenschauer" enthaltend, lag dem Brief eines Freundes bei. In allen dreien fand ich Worte über Mose. Ich will sie hintereinander hersetzen. 1. Robert Müller schreibt in seinem sehr gescheiten, sehr eindringlichen, sehr malerischen Büchlein: „So war das große Reformwerk, die Tat des Scheiks Moses und seiner Araber, kluger, tapferer Männer, die nach all dem Kummer und der glücklosen Unsittlichkeit, so sie unter Menschen gesehen hatten, eine neue Menschheit begründen wollten, so war denn das Reformwerk der Menschheit wieder einmal vereitelt worden." Er ist sicherlich malerisch, dieöer kluge Scheik, wie es auch die verzückten Derwische sind, als die man heute die Propheten abzuschildern liebt. Aber es ist eben eine durchaus zweidimensionale Betrachtungsweise. Denn da es keinem Derwisch je beigefallen ist, Worte zu sprechen, die der Rede Jesajas nicht etwa an Größe, sondern an Art zu vergleichen wären, so scheint es zur Erkenntnis jesajanischen Wesens mehr auf das Und erwischhafte an ihm als auf das (recht spärliche) Derwischhafte anzukommen. Nicht anders ist es mit Mose. Was aber zuinnerst ist es, das Mose nicht etwa auf eine andere Stufe, sondern in eine andere Welt als alle klugen und tapferen Scheiks erhebt? 2. In der ernsten, strengen, aus erlebtem Geis-t formulierenden, auch im Irren achtunggebietenden Schrift Blühers heißt es: „Der politische Typus des geistigen Menschen