Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Antisoziale Unart
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 206 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Bemerkungen Antisoziale Unart Der Mensch, ein Tier von sozialer Art, das „Gesellschaftstier", hat natürlich ein stattliches Register sozialer Unarten in sich ausgebildet; daß der jüdische Mensch mit seiner ausgesprochen jüdischen Art auch spezifisch jüdische Formen der sozialen Unart entwickelt hat, ist eine Tatsache von logischer Notwendigkeit. Von diesen spezifisch jüdischen antisozialen Unarten soll hier nicht die Rede sein; nur so viel: sie wurzeln letzterdings in einer Besonderheit der kritischen Veranlagung. Jahrhundertelange Schulung hat eine äußere Technik des Verstandes ausgebildet, die — zumal wo es am Verstände fehlt — leicht um ihrer selbst, um der Technik willen reagiert, so daß vielfach eine mehr formale als gedankentiefe Geistreichelei Platz greift und in selbstgefälliger, nicht selten in aufdringlicher Weise zum. Ausdruck kommt. Ich fand das Wort von der „antisozialen Unart" bei Max Brod in einem Aufsatz*) über diese Dinge; so kleinlich die Einzelfälle erscheinen, sie sind wichtig genug — man mag das bei Brod nachlesen. Hier aber soll der Ausdruck einen anderen Sinn haben. Brod spricht eigentlich mehr von Unartigkeiten (wenn es um der Klarheit willen gestattet ist, so zu sagen) als von Unart; „antisoziale Unart ist es, den Redner dadurch zu stören und in Verwirrung zu setzen, daß man beständig mit dem Nachbar flüstert oder Zettelchen schreibt... Es* sind nur Kleinigkeiten, wird man sagen ..." Es sind also durchaus keine Kleinigkeiten; ich habe es schon betont. Aber ich muß gestehen: auf mich haben, sehr zu Unrecht natürlich, diese Abscheulichkeiten wie Kleinigkeiten gewirkt, und es kam, daß ich über das Sachliche hinweg las. Ich las Worte und ließ sie mit meinen Gedanken spielen, die Gedanken aber machten Ernst mit dem Spiel: das Wort von der antisozialen Unart leuchtete mir in eine besondere Gefahr des jüdischen Lebens hinein. Man darf dem Juden gewiß nicht antisozialen Geist zum Vorwurf machen. Die Form unseres Kults, unsere Ghetto-Vergangenheit und die vielfältigen Arten unserer Ghetto- Gegenwart haben uns zu den sozialsten aller Gesellschaftstiere erzogen; man hält uns das *) „Die Hochmütigen", Prager„Selbstwehr" vom 31. III. 1916 und „Jüdische Rundschau", Nr. 14, 1916. „Zusammenhalten" tausendfach vor, zu Lob und Leid.'.. Aber dieses Zusammenhalten hat einen wesentlich passiven, nach innen gerichteten Charakter; es fehlt in vielen Fällen die Entschiedenheit nach außen Hin, der positive Wille, der aggressive Mut. Ich spreche vom Westjuden und ich konstatiere: dieser Mangel an Entschiedenheit nach außen hin, der M&ngei ah positivem Willen, hat eine zwiefache Wurzel, nämlich einmal eine verächtliche, hochmütige Scham, die am schärfsten der Assimilationsjude ausgeprägt hat — aber die Tatsache ist nicht zu leugnen: auch der nicht assimilierte Jude, der Indifferente und der (bürgerlich situierte) Durchschnitt-Zionist, der im europäischen Westen eben auch ein Indifferenter zu sein pflegt, auch ihnen ist diese hochmütige Scham nicht fremd; sie würden sich Heber mit dem armen Nicht-Juden an einen Tisch setzen, als mit dem armen Juden — wenn sie auch mit ihrem nach innen gerichteten „passiven" Gemeinschaftsgefühl etwa ihre Mildtätigkeit lieber einem Juden als an einem Nicht- Juden zuwenden. Wer diese Tatsachen nicht liinnimmt, ist entweder kein Westjude, oder er hat in sich diese hochmütige Scham noch nicht überwunden. Indes, man darf diese Niedrigkeit nicht allzu ernst nehmen; sie wird mit der wachsenden Selbstbesinnung des Westjuden bald ein vereinzeltes Laster sein — aber man muß davon sprechen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet: eben um zu dieser Selbstbesinnung zu erziehen. Viel wichtiger und wesentlicher ist das andere: eine antisoziale Unart, die das politische Leben überhaupt kennzeichnet, die aber die Entwicklung der jüdischen, der westjüdischen Gesellschaft in besonderem Maße hemmt, weil spezifisch jüdische Eigenschaften diese Unzulänglichkeiten verhängnisvoll steigern müsseh. Ich meine die politisch« Eigensinnigkeit. Wir leben ja im Zeitalter des vieigerühmten Individualismus; jeder hat seinen „eigenen Kopf" — dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die soziale Moral darf solche eigene Köpfe nur gelten lassen, wenn sie Initiative genug haben, geradewegs durch die Wand rennen zu wollen. Dabei pflegen sich diese Köpfe nämlich die eigenartigen Ecken abzuschleifen: dann gibt es schöne, runde, normale Köpfe, die mit den anderen zählen--oder sie rennen wirklich ein wenig die Wand ein: um so besser — - oder sie dringen gar durch: noch besser, denn diese Köpfe sind die Führer zum Neuen --oder die Wand ist stärker und der Kopf nimmt Schaden: in Gottesnamen, er hat doch