Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Metamorphosen einer Lüge
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen gibt, je bestanden habe. Der Professor des Polizeirechtes Sacharow stellte dann in einer längeren Ausführung in derselben Zeitung fest, daß nur Juden bestimmter Kategorien das Wohnrecht genießen dürfen, und zwar solche, die sjch im Besitze gewisser Vorrechte befinden oder ein Handwerk ausüben, und daß eine Jüdin, die ein Handwerk aufgibt, zu einer Dirne wird und dabei außerhalb des Rayons verbleiben will, sich sofort taufen lassen muß. Diese Erklärung wurde von keinem Juristen in Frage gestellt. So hat sich diese Behauptung als aus der Luft gegriffen erwiesen, bis sie im Jahre 1915 aus politischen Gründen wieder ausgegraben wurde, wo sie nun in :hrer traurigsten Metamorphose vor uns steht. Sie dient nicht mehr als Demonstration gegen die russische Bureaukratie, zu welchem Zwecke sie erfunden worden war, sondern als „Beweis" für die Un- Sittlichkeit der jüdisch-russischen Studentin. S. Aron Jüdische Bauern Daß es jüdische Bauern gibt, ist nicht allgemein bekannt. Zu diesem Kapitel ist erst in der letzten Zeit vor dem Kriege etwas mehr geschrieben worden. Man hat dabei die Judensiedlungen der verschiedensten Länder beachtet, die Juden eines Landes aber hat man, meines Wissens, ganz unberücksichtigt gelassen. Das Sonderbarste daran war, daß man gerade die Judenbauern übersah, die mir zu den vollkommensten zu gehören scheinen. Ich meine die jüdischen Bauern der ungarischen Provinzen, die an Ostgaiizien grenzen. Der jüdische Bauer ist in diesen Provinzen keine seltene Erscheinung. Um Marmaros- Sziget gibt es eine Reihe von Dörfern, deren Bevölkerung neben anderen Nationalitäten Juden . — oft über 50 Prozent — sind. Fast alle diese Juden sind Ackerbauern, und zwar nicht etwa bloß Bauern dem Namen nach. Was bei den palästinensischen Kolonisten leider häufig vorkommt, daß nämlich die Söhne dieser Kolonisten, wenn die Väter noch Ackerbauern sind, es nicht mehr sind, das kommt bei unseren Bauern des Marmaros-Szigeter Komitates nicht vor. Ich habe mich erkundigt und weiß es auch aus eigener Wahrnehmung, daß hier, im Marmaros-Szigeter Komitat, Vater, Sohn und Tochter ihr Feld selbst bearbeiten. Und mit weicher Freude und Hingebung! Ich hebe das hervor, weiJ ich auch die jüdischen Bauern der Bukowina kenne. Soviel ich weiß, arbeitet der jüdische Bauer, richtiger Feldbesitzer, in der Bukowina nur in dringenden Fällen; denn es gereicht einem Juden in der Bukowina nicht sehr „zurEhre", Feldarbeiten zu verrichten. Aus der Bukowina kommend, habe ich es gewagt, jüdische Bauernmädchen zu fragen, ob denn Feld« arbeit bei ihnen nicht für unpassend gelte. Sie haben meine Frage erst nicht begreifen können; nach umständlicher Erklärung, wie ich dazu kam, war ihre Antwort ein Lachen, weil sie die Felder ihrer Väter, ihre Felder mit Selbstverständlichkeit bearbeiten. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß viele dieser Bauern einen Nebenberuf haben, der mehr oder weniger mit ihrer Hauptbeschäftigung zusammenhängt. Sie lassen die Zeit, in der sie auf ihrem Felde nicht beschäftigt sind, insbesondere im Winter, nicht unbenutzt verstreichen. Wer keinen Nebenberuf hat, sucht Arbeit für die freie Zeit. Manche 3. B. arbeiten während des Winters in einer naheliegenden Säge, andere wieder an der Bahnstrecke u. dgl. Der Haushalt ist ein sehr einfacher, aber nicht kärglich. Milch und aus Mais hergestelltes Brot, sogenanntes „Malai-BroJt" sind vorherrschend. Eine für jüdische Verhältnisse geradezu überraschende Erscheinung bietet sich uns im Komitat Ung; Hier gibt es nicht nur Judenbauern — Eigenbesitzer, die ihre Felder selbst bearbeiten, hier ist vielmehr auch das Problem gelöst, das die Poale-Zionisten lange Zeit beschäftigt, das Problem der jüdischen Feldarbeiter. Im Komitat Ung gibt es eine Arbeiterklasse, die als Tagelöhner auf fremden Feldern arbeiten, die während des ganzen Sommers auf den Feldern der Gutsbesitzer als Saisonarbeiter verwendet werden. Ein Verwalter eines großen Gutshofes hat mir von diesen Arbeitern unter anderem erzählt, daß sie wohl den ungarischen Feldarbeitern, nicht aber den „Huzulen" (ukrainische Karpathenbauern) nachstehen. Aus diesem Grunde, und weil sie auch nicht höhere Ansprüche als die „Huzulen" machen, sind sie ebenso gesucht v/ie diese. Meine Ausführungen sollen dazu dienen, die jüdische Öffentlichkeit auf diese Judenbauern aufmerksam zu machen. Eine organisierende und helfende Hand wäre nötig. Ich will heute nur auf folgendes hinweisen: Es gibt viele dieser Batlern, die nicht ein geschlossenes Grundstück haben; ihre Felder sind in der Streulage. Es braucht nicht besonders betont zu werden, wie nachteilig es für einen Kleinbauern ist, wenn er sein Feld oft in drei 14*