Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 194 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Fryluzki Nr. 17, 22, 28. — Ein inniges, echt weibliches Gebet. Das Kindlichste und Trauteste, was als Gebet denkbar ist. Sollten jemals die reinen milden Sabbathtage durch Gottes Emporwachsen und infolge seiner Verwandlungen sich mit verwandeln, dann werden Stücke wie diese dem Recht-Lauschenden ein vergangenes Paradies hervorzaubern. Alle Woche einmal haben die Juden einen solchen Tag, der, entlassen mit solcher Herzlichkeit, mit eben solcher Freude wieder erwartet wird. Es ist Sabbath-Dämmerung. Der Mann ist noch in „Schul", das Weib ist spazieren gegangen. Jetzt ist sie in die finstere Heimlichkeit der Sabbathstubc getreten. Wenn hier nicht gute Hausgeister sind — da hinter dem großen Ofen, unter welchem in einer düstern Vertiefung die Hühner brüten, und in den schwarzen, schwarzen Winkeln — wenn da nicht Dinge einer andern, friedlicheren Welt vor sich gehen, dann geschieht es nirgends. Und die Mutter beginnt (man möchte weinen, \venn man das erlebt hat und sich dessen in einer fremden Zeit erinnert): -----^----/--------_----.-------------------- Der lie - be Schab - bes koi - desch geht a heim... Was weiß nicht alles die gute heilige Mutter, und was redet sie für wirres Zeug, das gar nicht ins Abendgebet gehört! Ganz früh stehe ich auf —• der gesegnete Name sitzt im siebenten Himmel hoch, — wer wird es leugnen, daß dem so ist! Darm dieses „Gottinju" (Gott-chen), das in die Stube kommen soll. Ja,- da kommt denn auch Gottinju in die Stube und segnet Mann und Weib und Kind und verkündet das Liebste und Schönste. — Pryluzki teilt, um die Stimmung lebendig zu machen, nach den von ihm abgedruckten zweiundzwanzig Varianten des Sabbathausgang« Segens eine an niederländische Kleinkunst erinnernde Stelle aus dem Buche „Winschfingerl" des berühmten jüdischen Dichters Mendele-Maucher-Szforim mit, die ich zu übersetzen versuchen möchte, — schon um die Atmosphäre unserer Lieder auch von einer anderen Seite zu beleuchten. „Daheim bei sich sitzt auf der milchigen Bank das Weib, die Hände und die Füße unter sich. Es ist finster. Ein heller Lichtstreifen des Mondes scheint durch ein Fensterchen hinein und wird von der Wand mit genauester Genauigkeit zurückgeworfen. Schatten von tollen Geistern tanzen und springen umher und machen den Kindern unbändige Angst. Sie haben sich zu einem einzigen Fleck zusammengesteckt, wie die erschrockenen Schäfchen mit heruntergelassenen Köpfchen, — keiner spricht zum andern ein Wort. Sch---sch---still! Nur ein paar späte Grillen übergrillzen einander, irgendwo in einem Winkel. Das Weib sitzt nachdenklich, bewegt den Kopf und fängt von ungefähr mit einem Gähnen an: Gott vun Awrohom... as der liebe Schabbes-keidisch geht dahin ♦.. — mit traurig singender Stimme, Nun ist es zu Ende -. . Man reibt, reibt mit Kunststücken und Mühen so etwas wie ein Streichhölzchen, ein zweites, ein drittes, bis ein zorniger Rauch sich zeigt, ein stinkendes, blau-rötliches Feuerchen, bei welchem man nun nach vielem Suchen ein haltizeriaufenes Groschenlichtchen findet"-- B«*Un Arno Nadel