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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 383

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina
Date
1918-01-01
Page
383 (sequence 11)
Language
German
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Siegfried Bernfeld: Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart 383 des Auswanderungsamtes sein, dafür zu sorgen, ungeeignete Personen von der Gründung von Auswanderergruppen zurückzuhalten und nur solche Personen bei der Gründung von Auswanderungsgruppen zu unterstützen, von denen zu erwarten ist, daß sie der Gruppe einen gesunden Geist einflößen werden. In Palästina soll ein Zusammenschluß aller Genossenschaften von gleichem oder ähnlichem Typus zu Genossenschafts-Verbänden angestrebt und überhaupt in jeder Beziehung auf die Gründung von Gesamtvertretungen der einzelnen Berufe hingewirkt werden. Wir erwarten auch von diesem kooperativen Zusammenschluß eine Hebung der Berufsmoral und eine Stärkung des Gemeinsinns. Konstantinopel Arthur Ruppin DAS EUROPÄISCHE ERZIEHUNGSVORBILD UND DIE JÜDISCHE GEGENWART*) Wer des heutigen Erziehungswesens mannigfaltige Formen und Tendenzen, seine grundsätzlichen Verschiedenheiten bei den einzelnen Nationen und Staaten betrachtet, dem muß es unmöglich erscheinen, diese verwirrende Buntheit, dieses Nebeneinander der gegensätzlichsten Institutionen, Absichten und Strömungen, einander einfach ausschließender Zwecksetzungen mit dem einenden Namen „europäisch" zu belegen. Deutsches, französisches, englisches, schwedisches und russisches System sind zweifellos völlig unterschiedliche Lösungen der einen Aufgabe: Erziehung der Jugend. Aber nicht genug daran, erweist sich dem Betrachter jedes dieser geschlossenen Systeme selbst wieder als ein wenig einheitliches Neben- und Ineinander gegensätzlicher Einrichtungen und Bemühungen. Und nur so viel mag jedem zugestehbar sein, daß kräftige, nivellierende Tendenzen sich seit längerem bemerkbar machen, die vielleicht in späterer Zeit einen europäischen Zustand schaffen werden, von dem noch gar nicht vorauszusagen ist, ob er eher ein Kompromiß oder eine Verschmelzung der gegenwärtigen Sonderheiten und Gegensätze sein wird. Die verwirrende Fülle der Formen weicht aber einigen sehr klaren und in Europa durchwegs einheitlichen Grundlinien, sowie man jedes der unterschiedlichen Systeme vergleicht mit den Erziehungseinrichtungen abgelegener, aber dennoch hoher Kulturen. Man vergegenwärtige sich hellenische Erziehung, und die heutige wird, einerlei, an welchem Orte und in welcher Sprache sie geübt wird, in allen wesentlichen Belangen ihr beinahe inkommensurabel erscheinen. Ihr gegenüber gibt es eine heutige, eine europäische. Und fassen wir den Begriff der Erziehung weiter, als gegenwärtig im ganzen Kreis europäischer Kultur geläufig ist, begreifen wir in diesem Wort allen Ernstes nicht jenen kleinen Ausschnitt aus den auf Kindheit und Jugend bildend einwirkenden Faktoren, der bewußterweise geübt, als Bestandteil einer Theorie bestätigt wird, verstehen wir unter Erziehungswesen nicht jenen engen Kreis von Einrichtungen, deren Absicht es ist, die junge Generation nach irgend einem Ideal zu bewirken, sondern jenen unendlich weiteren der Institutionen und Zustände, die tatsächlich den heutigen Typus Mensch bilden, betrachten wir so die ganze Jugendgeneration eines Volkes und seiner Zeit in ihrer Stellung im *) Aus dem demnächst bei R. Löwit erscheinenden Buch Siegfried Bernfelds „Das jüdische Volk und seine Jugend".

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