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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 366

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Wege und der Weg
Date
1918-01-01
Page
366 (sequence 2)
Language
German
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366 Martin Bub er: wo uralter Blut- und Schicksalsbund bereits die Grundfesten der Gemeinschaft gelegt hat? Nicht kann unsere Sehnsucht aber auf den Grundfesten fremder Völker das Haus erbauen. Auf den Tribünen kann der Jude mitreden, auf den Barrikaden mitkämpfen, aber wo es ans Bauen geht, versagt er zumeist auf fremdem Boden. In der Theorie ist er führend, in der Propaganda fördernd, aber in der Durchsetzung zeigt es sich, daß er nur den Entwurf des geplanten Baus, nicht aber die vorhandenen Grundfesten kennt, denen er jenen anzupasssen hätte, daß er das nicht kennt, nicnt ehrt, nicht berücksichtigt, was es gerade in diesem fremden Volke, in seiner Seele, seinem Leben, seiner Geschichte an besondren Ansätzen einer wahren Gemeinschaft gibt. So ist in unsren Tagen der tragische Konflikt zwischen Doktrin und Volkstum entstanden, der das vorläufige Ergebnis der russischen Revolution bildet. Eigenes Material, eigenen Boden brauchen wir zu unsrem Bau. Nicht als Einzelne, als Volk wollen wir ihn bauen. Einzelne Juden werden, sonderlich als Lehrende, dem Abendland noch Wesentliches zu geben haben; die bauende Sehnsucht des jüdischen Volkes weist anderswohin, weist in sein Land. Da aber sprechen die Nationaldogmatiker zu uns: „Gut so! Das jüdische Volk muß endlich sein Schicksal in seine eigenen Hände nehmen. Wenn es die eigenen Gaben ungehemmt entfaltet, dient es der Menschheit am besten. So laßt uns ihm die Bedingungen der ungehemmten Entfaltung schaffen! Aber greifet ihr nicht vor! Machet der Nation keine Vorschriften darüber, welchen Weg sie einzuschlagen habe! Überlasset es ihr, sich wie jede andre im freien Spiel ihrer Kräfte den rechten Weg zu bahnen, die rechte Form zu finden! Was Israel tun soll, können wir heute noch nicht wissen; aber lösen wir nur seine Fesseln, dann wird es schon das Seine tun. Und warum soll gerade unser Volk die Aufgabe aufgebürdet bekommen, die wahre Gemeinschaft aufzurichten? Warum wollt ihr ihm die schwere Arbeit seiner Wiederherstellung noch mehr erschweren, indem ihr ihm diese Last auf ladet? Wir brauchen uns nicht anders zu verwirklichen als die andren Völker: indem wir unsre Eigenart sich entwickeln lassen. Lasset uns sein wie alle Völker, Haus Israel!" Darauf antworten wir: Nicht jene, die uns dem wahren Gott in der Fremde dienen lassen wollen, sondern ihr seid die Angepaßten, die ihr für die Heimat jeden Götzendienst zu billigen bereit seid, wenn die Götzen nur jüdische Namen haben! Angepaßt seid ihr an das herrschende Dogma des Jahrhunderts, das heillose Dogma der Souveränität der Nationen. Jede Nation, so lehrt das Dogma, ist ihr eigner Herr und ihr eigner Richter, sich allein verpflichtet, sich allein verantwortlich; was sie zum eignen Vorteil tut, ist wohlgetan, was sie als ihre Sache verficht, ist die gute Sache; ihr Handeln ist durch das Bedürfnis, ihr Ethos durch ihre Eigenart, ihr Recht durch ihren Machttrieb hinreichend bestimmt Dieses Dogma feiert in dem Weltkrieg seinen vielfältigen Triumph; wo immer es, nackt oder in allerlei Gewandung, auftritt, wird es als inappellable Instanz respektiert, und welcher der politischen Faktoren sich ihm nicht beugen will, muß doch vorgeben, es^zu tun. Aber an diesem blutigsten der Erdentage hat auch schon der Niedergang des Dogmas begonnen. Man verstehe uns recht: die Erkenntnis der Nation als einer fundamentalen Realität des Menschheitslebens kann aus dem Bewußtsein der Menschheit nicht mehr getilgt werden und soll es auch nicht; aber sie muß und wird durch die Erkenntnis ergänzt werden, daß kein Volk der Erde souverän, daß souverän einzig der Geist ist. Der Geist

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