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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 365

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Wege und der Weg
Date
1918-01-01
Page
365 (sequence 1)
Language
German
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Martin Buber: Wege und der Weg 365 WEGE UND DER WEG*) Von Rabbi Jaakob Jizchak von Przysucha, der gemeinhin mit dem bloßen Namen „der Jehudi", „der Jude", bezeichnet wird, erzählt man, er habe eines Nachts nicht geschlafen, sondern unablässig geseufzt Von seinem Lieblingsschüler nach dem Grund befragt, sagte er: „Ich muß daran denken, daß nach Mose die Richter kamen, nach den Richtern die Propheten, dann die Männer der großen Versammlung, sodann die Tanaiflh und Amoraim, hierauf die Ermahner, und als auch dies verdarb und falsche Ermahner sich mehrten, standen die Zaddikim auf. Darüber aber seufze ich, daß ich sehe, auch dies wird verdorben werden. Was wird Israel tun?" Wir hundert Jahre nach dem Tode des „Jehudi" Lebenden, die wir heute auf die Geschichte der jüdischen Verwirklichungstendenz zurückblicken, haben das Seufzen verlernt. Wir fragen: Was soll Israel tun? Was soll Israel tun? Was soll es tun, um sich von der gespenstigen Unwirklichkeit seiner Gegenwart zu erlösen, um zu seiner Verwirklichung, der Verwirklichung seiner Wahrheit zu gelangen? Drei Wege werden uns zur Antwort gewiesen: der Weg des Humanitarismus, der Weg des formalen Nationalismus, der Weg des religiösen Konservativismus. Wir wollen sie prüfen. Die Humanitarier — ich wähle die besten unter ihnen — sagen: „Geht in die Welt, Kinder Israel, und verwirklicht den Geist in der Menschheit! Eure Sünde war, daß ihr mit eurer Sehnsucht nach dem wahren Gemeinschaftsleben euch abgesondert habt, eure Sühne muß sein, daß ihr euch völlig hingebt! Werft den Brand eurer Sehnsucht in die Welt! Rüttelt die Herzen auf, sprenget die Tore des Willens, stürmet die Bastille des Geistes! Kämpfet um die neue Menschheit! Auf die Tribünen, auf die Barrikaden mit euch, Kinder Israel! Wußtet ihr nicht auf den Scheiterhaufen zu sterben, als es um die Absonderung ging? So wisset noch größer zu sterben, nun es um die Vereinigung, um die Vereinigung der Völker geht!" Darauf antworten wir: Sprecht leiser. Ihr schreit wie Menschen, die während eines Erdbebens erwacht sind. Wir aber haben manche Welten zusammenbrechen sehen und nichts davon vergessen. Ihr redet von unsrer Sehnsucht mit unkeuschen Lippen; ihr wißt nichts von ihr. Sie ist älter als eure, ob die nun eins oder zwei oder vierundeinviertel Jahre alt ist; sie ist Jahrtausende alt. Man sollte meinen, sie habe warten gelernt, und doch ist sie ungeduldiger als eure, denn sie weiß, daß sie sterben muß, wenn sie länger das unwirkliche, das gespenstische Leben erträgt. Sie ist ungeduldiger; denn sie will sich nicht damit begnügen, Menschenrechte zu verkündigen — oder wird es diesmal „Völkerrechte" heißen? — damit auf die Verkündigung eine Epoche wie die jüngste folge. Sie will sich nicht begnügen, Bastillen des Geistes zu stürmen, damit der befreite so heimatlos werde, wie er heute ist; sie will dem Geiste ein festes Wohnhaus bauen, das Haus der Gemeinschaft. Wo anders aber kann das gebaut werden, als da, wo Volk, Volkzusammenhang, Volksgemeinsamkeit besteht, *) Diese Ausführungen sind der mittlere Teil einer Rede (gesprochen im Mai und im Oktober 1918), deren erster Wesen und Geschichte der Verwirklichungstendenz und Gemeinschaftsidee im Judentum, deren Schlußteil den Aufbau des neuen palästinensischen Gemeinwesens behandelt. Die Rede wird demnächst unter dem Titel „Der heilige Weg" als Buch (bei Rütten & Loening) erscheinen.

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