Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 364 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Oskar Epstein: Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik schon die Überzeugung geäußert haben, daß die Unmöglichkeit für uns Juden, uns irgendwie in diesen Kämpfen zurechtzufinden, auf die Engherzigkeit und Unmenschlichkeit der Kämpfe zurückgeht, so müssen wir zunächst trachten, ihnen diesen Charakter zu nehmen, utn uns in ihnen zurechtzufinden. Nun haben wir aber nach langen vergeblichen Versuchen dieser Art gesehen, daß wir das Leben der andern begreiflicherweise nicht beeinflussen können. Wir müssen also den Strebungen, die uns ein Zurechtfinden unmöglich machen, zunächst in unserer eigenen Mitte einen Damm entgegenstellen. Nur für Leute, die gern an die Stelle heiliger Kraft irgendeinen schön abgerundet ausgeheckten Plan setzen möchten, muß hier gesagt werden, daß eine Neuordnung der menschlichen Beziehungen auf der Grundlage einer mathematischen Gleichheit nicht der rechte Ausweg daraus sein kann. Der Zukunftsstaat Marxens ist, wie Herman Glenn im Maiheft dieser Zeitschrift gezeigt hat, in dieser Beziehung die Frucht jenes rationalistischen Zeitabschnittes, den wir sonst schon überwunden haben. Wie ich mir die Grundlinien jenes Zusammenlebens vorstelle, habe ich in einer demnächst zur Veröffentlichung gelangenden Arbeit über die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina zu zeigen versucht. Es wäre überflüssig, das dort Gesagte zu wiederholen. Es war auch nicht meine Absicht, zu zeigen, wie unser jüdisches Leben aussehen muß, damit es uns in die Lage versetzt, in dem Streit der Völker unseren eigenen Standpunkt und damit unsere eigene Politik zu gewinnen, sondern daß dies einfach unsere wichtigste Aufgabe ist. Nur muß hier noch ausgesprochen werden, daß die Träger dieser neuen Entwicklung die jüdischen Gemeinden sein müssen, die heute als Zerrbilder in unserer Mitte weiterleben, während die Stelle, die ihnen das Volksbewußtsein zuweist, uns ahnen läßt, daß sie eigentlich eine ungeheure Aufgabe im jüdischen Leben zu erfüllen hätten. Es ist die erste Aufgabe der jüdischen Gemeinden, die Beziehungen der einzelnen jüdischen Menschen trotz der gewaltigen Einwirkungen der nichtjüdischen Umwelt immer auf Liebe und Gerechtigkeit, die für uns ein und dasselbe bedeuten müssen, statt auf Gewalt und „Gerechtigkeit" aufzubauen, welche vorläufig leider dasselbe bedeuten. Je weiter die jüdischen Gemeinden auf diesem Wege fortschreiten werden, desto geringer wird die Kraft der nichtjüdischen Gemeinschaften sein, mit der sie uns Juden in ihre gegenseitige Vergewaltigung hineinziehen. Sind wir aber in jener gegenseitigen Vergewaltigung als Gemeinschaft ohne Boden und ohne bewaffnete Fäuste begreiflicherweise hilflos wie die kleinen Kinder, so gewinnen wir dort einen festen Halt und einen festen Standpunkt, wo es sich um Liebe und Gerechtigkeit handelt, welche uns zumindest durch eine vielhundertjährige Geschichte als einzige Stützen unseres Daseins in die Seele eingehämmert wurden. Wer nicht mit ganz entjudeten Augen auf die politischen Vorgänge blickt, wird nun wohl selbst erkennen können, wie sich diese Änderung in den politischen Vorgängen malen dürfte. Je weniger wir in fremdem Sold mitzukämpfen brauchen, um einen unverhältnismäßig mageren Anteil an einem fluchbeladenen Raub zu erhalten und uns von seinem Gift zu nähren, desto mehr Zeit haben wir, um unseren friedlichen Herd zu bauen, und können an ihm eine einfache Nahrung genießen, auf welcher aber der Segen Gottes ruht. Prag Oskar Epstein