Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Österreichische Revolutionschronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 358 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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35» Oskar Epstein: noch während der Entstehung des Staates immer wieder gegen eine solche reaktionäre Auffassung Einspruch erheben und ihr Recht geltend machen, deutschösterreichische Staatsbürger zu sein, ohne dadurch ihrem nationalen Bekenntnis zu präjudizieren. Leider ist durch die Fiktion, die Staaten seien nunmehr rein nationale Körper, eine Verwirrung entstanden, die zu neuen Erschütterungen führen muß, wenn nicht jedes herrschende Volk genug Freiherzigkeit aufbringt, um auch der Minorität ihre Rechte zu geben. Schon bei der Auflösung des Heeres und der Bildung nationaler Armeen haben die Juden überall die Forderung erhoben, als eigene Gruppe anerkannt zu werden; die jüdischnationalen Soldaten mußten verlangen, daß die Eidesformel auf sie Rücksicht nehme. Überall haben sich eigene jüdische Soldatenräte gebildet und den jüdischen Nationalräten zur Verfügung gestellt. In Wien wurde schon in den ersten Revolutionstagen die jüdische Gruppe vom Stadtkommandanten anerkannt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Staaten dazu stellen werden, bis die Verhältnisse sich konsolidiert haben. Die jüdische Miliz in Galizien, Ungarn und Südmähren hat während der Pogrome die Juden geschützt. Die jüdische Bevölkerung muß anerkennen, daß ihr einziger Schutz die jüdischen Soldaten sind, die dem jüdischen Nationalrat unterstehen. Auch dies hat das Ansehen der Nationalräte bei allen Juden entsprechend erhöht. Die Nationalräte werden jetzt an den Ausbau ihrer Organisation und ihres Verwaltungsapparates schreiten müssen. Sie werden die ganze Summe der jüdischen Gegenwartsaufgaben, die immer brennender werden, zu lösen haben. Nicht nur die politische Vertretung, sondern vor allem die Organisiesung der Juden wird ihre Sache sein. Sie werden nicht um „Anerkennung" betteln, wie es früher üblich war. Heute gilt jeder, der eine Potenz darstellt, er muß sich durchsetzen in der wirklichen Welt, nicht in der formalen Welt einer Staatsmaschine, die durch ihre „Anerkennung" Völker zur Existenz bringt oder verschwinden macht. Die Nationalräte haben die täglichen Interessen der Juden zu hüten; dabei darf aber nie vergessen werden, daß das jüdische Volk in seiner Gesamtheit, ganz unabhängig von den Ereignissen der Welt und sie überwindend, seiner eigenen großen Aufgabe zustrebt. Das soll unsere Selbstbestimmung sein. Wien Robert Weltsch VON DER EIGENARTIGKEIT JÜDISCHER POLITIK Eine sehr lehrreiche politische Rolle spielen die Juden in den Sudetenländern. Sie dürfte für die Stellung der Juden im gewesenen Österreich-Ungarn überhaupt und vielleicht auch anderswo kennzeichnend sein, doch will ich mich in dieser Darstellung der Gegenständlichkeit halber auf die Sudetenländer beschränken, da ich ihre Verhältnisse aus der Anschauung kenne. In den Sudetenländern also bildeten die Juden bisher zum größten Teil eine außerordentlich wichtige Stütze der deutschen Minderheit. Die große, politische Bedeutung dieser deutschen Minderheit in den Augen des tschechischen Mehrheitsvolkes führt dazu, daß der tschechische Antisemitismus auf diese Weise einerseits eine eigentümliche nationalpolitische Färbung, andererseits eine Heftigkeit erlangte, wie sie in