Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Jude Schildkraut
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 343 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen 343 leidenden Verwirrung nach den Worten „Ich wollte, meine Tochter läge tot vor mir" auffährt und sich entsetzt auf den Mund schlägt und mit einem singenden Wehegeschrei gleichsam vor sich selbst zurückweicht und abwehrend gestikuliert, das ist die jüdische Melodie, aus den letzten Tiefen des uralten Hausvatergefühls heraus gespielt. Und das zu finden, war kühneres Genie nötig, als um den gleich darauf folgenden Worten von Leas Ring eine Tönung tiefsten und stillsten Gefühls zu geben. Solche rein jüdischen Menschenaugenblicke gibt es dann auch noch vor Gericht. Etwa, wenn Portia ihn ermahnt hat, aus „Menschlichkeit1* einen Feldscher zu nehmen! Schildkrauts Jude schweigt ganz lange und betrachtet sich die ab gewandte Gruppe der venezianischen Edelleute. Man sieht, wie er alle Schmach, die sie ihm angetan haben, noch einmal innerlich durchkaut. Dann geht er langsam, ganz langsam an ihnen vorbei, mißt sie von oben bis unten mit dem Blick und hat dabei d;es unvergleichliche, iron sch jüdische Kopfnicken, das hier in Worten etwa bedeutet: „Und gegen die soll ich als Mensch empfinden?!**. Und dann geht er immer noch ganz langsam zur Portia und wirft ihr mit erheuchelter Unbewegtheit den Schein hin: „Ich kann's nicht finden; es steht nicht in dem Schein'*. Und schließlich wagt Schildkraut einÄußerstes: im allerletzten Moment, wenn er mit dem geschwungenen Messer auf Antonio losgehen will, rebelliert in seinem jüdischen Blut das erhaltende Hausvatergefühl — die physische Gewalt ist ihm gegen die Natur. Er, nicht der Kaufmann, wird blaß und schwankt; aber dann rafft er sich zusammen, und während der Haß in seinen Augen ihn vollständig verzerrt, stößt er mit erqualtem Zynismus halblaut, aber wieder in unverkennbar jüdischem Sington ein ,,ä bäh*' hervor, und nun erst hebt er sich auf und geht los — nun packt er ihn an mit ungebrochener physischer Vollkraft breit dastehend — gefährlich, nicht wie ein Dämon, nicht wie ein Rachegeist, sondern wie ein schwer gereiztes, gesundes Tier. Da greift Portia ein. Und Shylocks kläglicher Zusammenbruch ist nun wiederum nicht der großartigste, aber der menschlichste. Pohl schlug um, wie ein gefällter Baum. Reicher losch aus, wie ein Geist beim Hahnenschrei. Schildkraut sinkt einfach zusammen, wenn man ihm das Christentum ansinnt, ein tödlich erkrankter Menschunter Fieberschauern klappernd. Völlig spannungslos schleppt er seinen Körper davon. So ist dieser Shylock nicht heroisiert und nicht gerechtfertigt mit den Mitteln jüdischen Temperaments oder jüdischen Geistes, er ist nur aus jüdischem Rhythmus heraus lebendig gemacht — ein Mensch, dessen Schlimmes und Schlimmstes noch aus guten, menschlichen Gründen herauswächst, und dessen Bestes dem Schlimmen nicht fern ist — wie bei uns allen. — In dieser Patriarchenluft atmet alles Beste, alles Ureigne, was der im übrigen viel könnende und manches ausgezeichnet machende Mime Schildkraut wirklich schafft. Wenn er in dem Legendenspiel von Schmidtbonn den Vater des verlorenen Sohnes in der Maske von Michelangelos Gottvater und mit einer unglaublichen Breite überströmenden Gefühls darstellt, so ist das fast schon ein Epigramm auf seine Kunst. Die höchste Entfaltung aber, die großartigste Indienststellung dieser bald wunderbar gütigen, bald beängstigend drohenden Singtöne, dieser bald urbehaglichen, bald entsetzlich hilflosen Gesten — die innerlichste Anwendung dieser ganz jüdischen Körperlichkeit fand ich in Heijermans Kettengliedern. Es ist ein kleiner, bürgerlicher „Lear**. (In dem Shakespearesehen fehlt es Schildkraut am König). Aber i hier, wo der Undank der Kinder nicht bloß Auslösung für die Tragödie maßlosen Königsblutes sein soll, sondern wo es um die tödlich verletzten Hausvatergefühle selber geht, hier entfaltete Schildkraut eine Kraft des Leidens, die sich unvergeßlich allen Sinnen einbrannte. Ein Moment: Die Kinder, die den reich gewordenen, proletarisch geborenen Vater entmündigen lassen wollen, fangen an, über seinen Kopf weg sich auf französisch zu verständigen. Da blickt Schildkraut von einem zum andern und sagt fast leise: „Dazu hab ich euch französisch lernen lassen.** — — In diesem Ton versinkt letztes Leid und steigt zugleich furchtbarste Drohung auf. Keinen schicksalschwereren Augenblick fühlte ich je auf der Schaubühne als diese Auflösung eines patriarchalischen Lebens in seinem letzten Kern. — Von mehr als einer der großen Schauspielerinnen unserer Tage hat man mit Recht gesagt, daß ihre ganze Kunst im Muttergefühl wurzelt. Der einzige Schauspieler aber, von dem man behaupten könnte, daß seine Kraft im Vatergefühl wurzelt, ist Rudolf Schildkraut. Bernard Shaws Übermensch ruft, als sein geistiger Freiheitsdrang sich den Anforderungen des Geschlechts nicht länger entziehen kann, in tragikomischer Verzweiflung aus: „Gibt es denn auch ein Vaterherz!?*f Aus der Tiefe altjüdischen Blutes heraus vermag der Schauspieler Schildkraut diese Frage zu bejahen. Naturgewalt und Gottesfurcht verwurzelt dieses Wesen gemeinsam im Grunde der Familie. Julius Bab