Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Jude Schildkraut
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Bemerkungen Nun hat der Dr. Max Pohl, der den Körper eines Berserkers, den Kopf eines Staatmannes und das Herz eines großen Menschen besitzt, und dabei die Lebensformen eines europäischen Wellmannes, Pohl hat vom Juden gerade einen letzten rhythmischen Anklang in einer gewissen Dialektik des Tones, einer schaukelnden Breite der Gebärden. Aber trotz dieser Zeichen, die natürlich auch auf innere Verbundenheiten mit dem Judentum deuten, ist er doch ganz wesentlich ein Europäer. Und so spielt er denn den Shylock gewiß ausreichend „echt** im Jüdischen; aber doch vor allen Dingen als eine Kreatur, ein ungeheuer gereiztes und ungeheuer tobendes und ungeheuer bedrohliches Stück tiergöttlicher Menschheit; unvergleichlich shakespearehaft in den Dimensionen, Menschliches ins Heroisch-Halbgöttliche aufreckend. — EmanuelReicher, der aus dem tiefstenGalizien stammt und erst ziemlich spät Deutsch lernte, hat naturgemäß eine noch viel offenkundigere Jüdischkeit als Dr. Pohl, der als ein deutscher Student aus gutem Hause zum Theater kam. Aber Reicher, dieser rastlos in allen sozialen, ethischen, technischen Reformbestrebungen umgetriebene Mensch, dieser in seelischer Naivität, fanatischem Verstand und rednerischer Inbrunst wurzelnde Schauspieler ist repräsentativ für das ganz moderne Kulturjudentum, für die rastlos gärende Mischung, die das alte Blut bei der „Emanzipation*' mit dem europäischen Geiste eingegangen ist. Reichers gewiß ausreichend jüdischer Shylock ist deshalb etwas wie ein leidenschaftliches Gespenst, ein erdrückendes Plaidoyer, eine hingerissene und wohl auch hinreißende Ansprache der Beleidigten und Erniedrigten. — Aber Rudolf Schildkraut und sein Shylock kommen aus einer tieferen und einfacheren Schicht jüdischen Lebens. Es ist jüdische Volkskraft in der relativ unproblematischen Abgeschlossenheit des Ghettos, und hat deshalb trotz Zeichen des Dumpfen, Verengten doch immer wieder Anhauch uralter Patriarchenherrlichkeit, palästinischen Bodens, asiatischer Luft. Es ist so charakteristisch, daß dieser ganz jüdische Schauspieler nicht die mindeste Ähnlichkeit hat mit jenen hektisch-hysterischen geistreich nervösen Männern und namentlich Frauen, die sonst auf der deutsch-österreichischen Schaubühne das Judentum vertreten. Er hat etwas so Breites, Vollsaftiges, Gesundes, daß er, seltsam zu sagen, beim alleräußersten Unterschiede in der Färbung doch manchmal in der seelischen Substanz an den allerdeutschesten Schauspieler erinnert: an Bernhard Baumeister, den Erbförster, den Richter von Zalamea, den Musikus Miller — den großen Hausvater auf der Szene. Denn ein Hausvater vor allen Dingen ist Schildkraut in jeder Rolle. Patriarchenluft ist um ihn. Und so groß ist nicht der Unterschied zwischen Asien und Germanien, wie die Verwandtschaft aller gesicherten, in irdisch frommer Breite ruhenden, vorbürgerlich häuslichen Existenzen- Schildkraut trägt nicht das mindeste Bedenken, das Judentum seines Shylock in der historischen Variation auszudrücken, die ihm die natürliche und selbstverständliche ist: er mauschelt. Aber nicht wie ein Kommis, der eigentlich hochdeutsch sprechen möchte! Mit der stürmischen Selbstverständlichkeit, der ungenierten Leidenschaft eines urtümlichen Ghettojuden mauschelt er, gestikuliert in der ersten Szene dem Antonio die Widder und die geschälten Stäbe, mit denen Erzvater Jakob zu Gewinn kommt, mit üppiger Lust an der Gebärde vor und fährt ihm, als Antonio den Vergleich solchen Gewinnes mit Zinsennehmen nicht gelten lassen will, mit dem ungebärdigsten „ä bäh*'-Singsang in die Rede. Wenn sich Haß- und Rachegedanken zuerst bei ihm ankündigen, beim Abschluß des Vertrages um das Pfund Fleisch, hat er nicht die lauernde Dämonengröße wie Pohl und den glühenden Vergeltungsschmerz wie Reicher. Er ist einfach eine Kreatur, die wie andere wieder zu schlagen verlangt, wo sie geschlagen wurde. Er ist — nur auf ganz jüdische Art — genau so gefährlich und genau so gutartig menschlich, wie Menschen überhaupt. Dieser jüdische Shylock ist der „menschlichste", nicht in dem Sinne, als ob er der idealste und beste wäre, sondern so, daß er keine jüdische Spezialangelegenheit mehr, sondern der allgemeine Fall Mensch auf Jüdisch ist. Wenn er sich von der Tochter verabschiedet und um sein Haus sorgt, wenn er trällernd vom Gastmahl kommt und an sein Haus pocht, dann mit tappendem, heiserem Lärm durch das leere von der Tochter verlassene und ausgeraubte Haus fährt, und schließlich mehr weinend als schreiend herausstürzt, da ist das Hausvaterwesen, das den menschlichen Mittelpunkt auch in dieser von Geldgier und Haß zusammengedrückten Seele bildet, ganz offenbar. Wenn dann der verwüstete, mit bleichen Wangen und roten Augen einherschwankende Vater den Edelleuten seinen Racheschrei hingeworfen hat, erreicht der Jude Schildkraut in der Tubalszene seinen höchsten Augenblick: wie er in Schmerzensqual lacht und in Vorfreude geahnter Rache weint, das ist menschlich tief und echt — aber wie er aus seiner