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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 298

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Am Vorabend
Date
1918-01-01
Page
298 (sequence 2)
Language
German
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298 Nachum Goldmann: „Völkerbund" und Pläne, welche vielleicht in den nächsten Jahren in schwärmender Selbstvergessenheit immer wieder auftauchen werden zur Glorie Europas, das es nun doch nach Bomben und Flammenwerfern so herrlich weit gebracht. Gleichwohl wird es Europas Pflicht und Sühne sein, auf dieser Bahn unbedingt, ohne jene zwiefachen Wahrheiten wie die vom „bewaffneten Frieden" weiterzuschreiten, oder sagen wir genauer: überhaupt anzufangen. Und wir werden, dünkt mich, wie weit unsere Art von europäischer Politik entfernt sei, uns überwinden müssen und nicht abseits stehen können, sei es auch nur deshalb, weil wir, unserer tieferen Art nach wohl zu anderem bestirnmt, jene gemeinsame Schuld mitgemacht und dann auch ganz zu tragen haben . . . Aber wir dürfen dabei nicht stehen bleiben. Wenn wir den Geist der Propheten ernst nehmen, so wissen wir wohl, daß Jesaja und Micha in ihren Visionen des Friedens, zu deren Erfüllung auch das Christentum bis jetzt sehr wenig beigetragen hat, nicht jenen „Nichtkrieg" meinen, den uns einer unserer Schriftsteller als die Natur des bisherigen politischen Friedens bezeichnet hat. Wir meinen den großen umfassenden, aktiven Frieden, den neidlosen Frieden der gegenseitigen Ergänzung, der eigenen Erfüllung, des über sich selbst hinaussteigenden Zukunftswillens. Im klassischen Europa haben ihn vielleicht bloß Schiller und Beethoven in seiner feurigen Weltkraft geahnt. Alles Getue heutiger Politik verschmähend führt er im Wappen das eine Wort Wahrheit und als Losung mag ihm das hebräische Wort des Friedens gelten, das nichts mehr mit „Befriedigung" oder „Zufriedenheit" zu tun hat, sondern schlechthin Vollendung bedeutet. Es. ist ein Weg innerer Notwendigkeit in Vernunft-und seelebeherrschtem sozialem Geschehen, ein Weg innerer Freiheit zu unbegrenzter Verwirklichung, ein Weg der Gerechtigkeit, welche im sozialen Leben dasselbe bedeutet, was Liebe im individuellen. Auf solchen Wegen wird der Kampf gegen den Krieg als solcher vielleicht gar nicht notwendig sein, weil hier in der Fülle des Positiven nach dem Gesetze der Undurchdringlichkeit für den Krieg kein Raum sein wird. Es ist uns nicht gegeben zu wissen, wie lange die Menschheit bis zum Beschreiten solcher Wege brauchen wird. Eins aber fühlen wir gewiß: daß unseres Volkstums Daseinsgrund und -sinn damit steht und fällt, solchen Weg zu gehen und nicht mehr von ihm zu lassen. Hier ist „Blut von unserem Blute, Fleisch von unserem Fleische". Es ist der Weg der Erneuerung, den wir geistig und physisch mit dem Namen „Zion" als Symbol und Wirklichkeit meinen. Im Felde Ernst Müller SELBSTBESINNUNG Zum Berliner Jugendtag Er war zweifellos eine Enttäuschung, der erste Jugendtag der nationaljüdischen Jugendbewegung in Deutschland. Das sei ohne jeden Versuch einer Beschönigung oder Entschuldigung von vornherein konstatiert. Es entspricht der unpolitischen Art wahrhafter Jugendlichkeit, sich nicht mit beschönigender Ausrede oder Entschuldigung der Erkenntnis der Dinge, wie sie sind, entziehen zu wollen. Begeisterung ä tout prix ist noch niemals die Art guter Jugend gewesen. Und

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