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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 297

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Am Vorabend
Date
1918-01-01
Page
297 (sequence 1)
Language
German
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AM VORABEND Aus bebendem Herzen, mit bebenden Lippen sprach es der verfolgte, ein . ganzes Jahr sich verleugnende Jude, das merkwürdige „Kol-Nidre", ehe er am Versöhnungstage es wagte, zur großen Seelenläuterung vor seinen Schöpfer zu treten. All jene Gelübde, der Welt gelobt, all jene Eide, der Macht geschworen, zerrinnen in sündigem Staube vor einer Welt, die über der Welt ist, vor einer Macht, die über der Macht ist. Etwas von solcher Kol-Nidre-Stimmung mag heute, wo die Staaten oder vielmehr die Staatsmänner Europas sich zu einer Art Versöhnung, wenn auch im äußerlichsten, das heißt: politischen Sinne, anschicken, manchen Juden erfüllen, der sich nahe der Pflicht fühlt zu einem tiefen Einblick in sich selbst, zu einer tieferen, umfassenderen und wahrhaftigeren Versöhnung mit dem eigenen Gotte, mit dem eigenen Volke oder, um ein paradox klingendes Wort zu gebrauchen, mit der eigenen, das heißt seinem Ideal entsprechenden Menschheit. Wir hatten den Pflichteid des Zwanges oder den Zwangseid der Pflicht geleistet, der Welt, den Mächten, den Staaten, als ihre Vollkraft bis aufs äußerste angespannt, bis aufs äußerste losgelassen wurde zu gegenseitiger physischer Zerfleischung, zu eigener geistiger Erniedrigung. Es war eine Bindung, die nicht aus unserem Wesen entsprang, ein Wille, der aus dem Zwange der vorangehenden Tat erst folgte. Nicht freilich können wir hochmütig diese Zeit, welche europäischer Wahn als die große bezeichnete, von uns wegwaschen. Ist der Krieg im menschlichen Sinne Sünde, so ist er Sünde aller. Und1 desjenigen Volkes, das nur aus nationaler Schwäche einfach mittun mußte, vielleicht noch mehr als die irgendeines anderen teils naiven, teils seines Ringens um ein partielles Recht bewußten Volkstums, weil hier Handeln und Wissen in abgründigem Zwiespalt sind. Aber auch ein heute sich schon überall durchringendes Wissen kann uns nicht dort stehen lassen, wo man nur mit kindlichem Jubel den nahenden Frieden begrüßt und schon vergessen hat, wie dieser Jubel eben erst für Siege und Eroberungen, für die möglichste Vernichtung des Feindes und — wie lange ist es doch her? — für die Preisgabe des Friedens sich entzündet hat. Unsere Zeit, die auf den Thron geläuterter Begriffe das klingende Schlagwort gesetzt hat, hat heute den Weg zu dem schönen Schlagwort des Friedens zurückgefunden, ohne freilich die Vielgestaltigkeit dieses Wortes zu prüfen. Der Friede, der heute gemacht wird — das ist der Friede der Diplomaten, der Abschluß der Weltschachpartie, wo Weltmeisterschaft von einem Dutzend Spielern mit Blut und Elend eines ganzen Erdteils angestrebt wurde. Nicht freilich ohne einen Einschlag von Volkesstimme, welche aus vergossenem Blute schreiend hervorgestiegen ist und gewaltsam nach einem Ende rief . . . Und zwischen diesen Volkesstimmen Stimmen gewaltsam-natürlicher Reaktion, vielleicht mehr als ehedem, einzelne Stimmen höherer Menschlichkeit, bald verzerrt und verheuchelt in Diplomatenworten, bald verquält und vergröbert durch die Pein der Masseninstinkte, zuweilen aber doch klingend und rein wie neuer Glockenklang. „Dauerfriede", »Krieg gegen den Krieg", „Abrüstung", Heft 7. 23

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