Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Und das Krumme wird gerade [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 296 (sequence 3)
- Language
- German
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296 Bücherschau Perez steht außerhalb, steht darüber, und zwar als Künstler, als Schöpfer seiner kleinen Welt. Er gestaltet als Humorist, als Idylliker, als Satiriker, als Genremaler. Er ist wohl auch Verkünder, aber zuerst und zuletzt doch Beobachter seiner Welt. Und er hat von der Kleinkunst der Russen gelernt und bringt, bei aller Urwüchsigkeit, wenn nicht fremden Geist, so doch ein fremdes Formelement in seine Gestaltung. Anders Agnon, wenigstens in diesem Werke. Der Erzähler ist wohl da, und er ist ein junger Meister. Aber er ist restlos in seine Welt eingekehrt, ist darin verschwunden, hat sich in sie verwandelt. Er ist ganz Chronik, Volksmund und Bibel, anonyme Überlieferung, Sage und Epos, und er erhebt sich zum Pathos, aus innerster religiöser Berechtigung. Buberisch gesprochen, er ist legitim; er hat die Weihe. Seine Wahrheit ist die Menascheh-Chaim-Seele, die lebendige. Sie, mit ihrem Widerspruch in sich selbst und ihrer Erlösung durch sich selbst, die suchende, irrende, fehlende und sich vollendende, ist die Einheit, der Stil, der alle Elemente verbindet und bis in jede halbbewußte Regung, in jede stammelnde Äußerung reicht; eine mehr als nur künstlerische oder dichterische Einheit und Wahrheit. Sie ist nicht „beobachtet", sondern evident, weil wirklich, sie lebt, sie verwirklicht sich, sie bleibt vom Anfang bis zum Ende sie selbst und entwickelt sich doch, und es ist wunderbar, wie sie sich, Stück um Stück, aus ihrer Schale losringt, wie sie ihre Möglichkeiten entfaltet, bis sie dasteht, nackt und groß und überwindend, in ihrer letzten Klarheit und Verklärung. Sie, dieMenascheh-Chajim-Seele, ist die in Brauch und Herkommen befangene Endlichkeit zuhause, im Guten und im Schlimmen ein Bruchstück der Gemeinde; und sie ist das Umherirren in der Fremde, aber immer noch in der Gemeinde, und immer noch der alte Adam; sie ist, in aller Jüdischkeit, die Verirrung und Verfehlung; sie ist der dämonische Markt von Laschkowitz (ein Wunder an dichterischer Schilderung), da die wohlgefügte Welt sich in die Welt des Tohu, in das Chaos verwandelt; sie ist, die vom bösen Trieb genarrte, dann wieder die Reue und das zitternde Scheinglück des Heimfindens; sie ist schließlich das bittere Erwachen, das Ausgestorbensein — aber immer hält sie die Gemeinde umzirkt — und am Ende das wahre Heimfinden in seiner schmerzensreichen Seligkeit. Man müßte all ihre Zeichen einzeln zeigen, ihre Wundmale und Schönheiten, und wie sie sich nie verleugnet, sich auch in ihrer Verfehlung, in ihrer Beschränkung treu bleibt und bewährt. — Es gibt gute, bessere und beste Bücher von Juden und jüdische Bücher. Aber dieses Büchlein, in seiner Schlichtheit, seiner Keuschheit ist lebendiges Judentum im leiblichen und geistigen Sinne des Worts, das sich wiedergefunden hat, als ob es sich niemals verloren hätte, das für sich zeugt und sich öffnet und verkündet; als ob kein Dichter es erfunden hätte, als ob es gewachsen wäre, eine Frucht auf dem dürftigen, aber heiligen Boden der Gemeinde. Und so mag es unter die Menschen gehen und in die Menschheit! Denn weil es gereinigtes Judentum ist, ist es nichts als nur reine Menschlichkeit. Berthold Viertel Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Mas Mayer, Berlin W 15, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich -Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotentürmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig-