Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Und das Krumme wird gerade [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 295 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 295 Tod hinwegschleicht. Die Erzählung ist um so volkstümlicher, als sie die Vergänglichkeit der irdischen Güter zeigt, wie Reichtum schwindet, wie ein Wohlhabender, Wohlansehnlicher, gleich dem geprüften Hiob, zum Bettler wird, zum Ausgestoßenen, zum Sünder, zum Lebendig-Toten (der „lebende Leichnam" Tolstojs); und sie packt das Volk bei seinen Grundfehlern, seinem Hängen an irdischem Gut und weltlicher Ehre; denn nur der falsche „Kowed", die verschämte, die verleugnete Armut haben den Menascheh Chajim so weit gebracht; und das war vielleicht mehr Weibesschuld, die Schuld seiner Kreindel Tscharne, aber die Schuld des Mannes ist Buchstabengläubigkeit und Schwäche, Schwäche dem Weib, der Welt, sich selbst gegenüber; denn immer zieht er das Leichtere dem Schwereren vor und zehrt von dem Scheine seiner Ehrbarkeit und beruhigt sich über seinen falschen Weg, indem er die Sprüche der Wahrheit dreht und deutet; und auch noch, als er strauchelt und stürzt, belügt er sich: bis ihm das Schwerste auferlegt wird und die Schuld, untilgbare Wirklichkeit geworden, das ganze Opfer fordert, und mit dem ganzen Opfer die ganze Wahrheit, die ganze Einsicht da ist. „Und das Krumme wird gerade": der Weg wird geebnet für den Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit, die Schuld wird gesühnt, aber nicht mehr nur nach dem Buchstaben des Rechtes, sondern absolut, die Seele gibt sich hin, und so wird ihr die Lösung aus dem Wirrsal und die Erlösung. Das ist die Größe des Werkes: daß sich aus kleinen Anfängen, Schritt für Schritt, mit einer unerbittlichen (und dabei doch so milden, barmherzigen) äußern und innern Folgerichtigkeit der Knoten der Eitelkeit und Verblendung knüpft, bis der Verstrickte ihn nur rn^hr durch die große Tat des Opfers, durch das ganze Bekenntnis und die ganze Hingabe durchschneiden kann; wobei allerdings besonders angemerkt werden muß, wie gering die äußere Schuld des Fehlenden ist, seine nur für das zarteste Ehrgefühl meßbare Verfehlung: daß er mit dem Empfehlungsbrief des Rabbi seine Ehre verkauft und seine Identität verschleudert; daß er, in dumpfer Abirrung und Beneblung, sein Sündengeld vertrinkt — und wie diese geringe äußere Schuld zum großen äußeren Unglück, vor allem aber durch sein erkennendes Bewußtseins zur großen inneren Schuld wird. Wie nur in den großen Dichtungen tritt der Mensch der Welt gegenüberstellt sich außerhalb, nur mehr auf seinem tischen Ich stehend, erkennt sie, verantwortet sie, scheidet und wählt zwischen wahrem und falschem Leben und vollendet sich Heft 6. religiös. So lebt, sündigt und sühnt Menascheh ChajimHakohen, „ein jüdischer Mann, schlicht und recht". Und leistet damit, lückenlos, die Wahrheit seines Herzens. Wenn ich — ohne werten zu wollen — an Tolstoj, anTennyson, gar an Homer erinnerte, so meinte ich die angestrebte und erreichte (weil eben vorhandene) Volkstümlichkeit der dichterischen Erfindung, die sich erst durch die restlose Anschaulichkeit der Darstellung, und durch jedes zwingende, aufschließende Gleichnis auswirkt und beglaubigt. Was die Undurchdringlichkeit der epischen Logik, die innere und äußere Geschlossenheit der Erzählung anlangt, so mußte ich an Kleists „Michael Kohlhaas" denken; aber freilich entspricht bei Kleist die eherne Konsequenz der Entwicklung der ehernen Konsequenz eines lutherisch - deutschen Charakters, dem „kategorischen Imperativ"; während hier der jüdische, „psychologische" Mensch, sich in seine nachgiebige und schwache, weiche und gütige Seele verstrickend, nur von der, allerdings nicht weniger unerbittlichen Konsequenz seines ethischen und religiösen Gefühls bis ans Ziel — und ins Ziel — getrieben wird. Ich hätte, um den eigenartigen, unerkennbaren religiösen Gehalt zu rühmen, zuerst an den „Hiob" erinnern müssen; hätte aber auch damit das Besondere des Werkes nicht getroffen, und nicht näher gebracht, wie dem Menascheh Chajm seine Welt der orthodoxen Ehrbarkeit, als er blindlings ihre Konsequenzen zieht, zum Tohu, zum Chaos wird. Die Einfalt und das Pathos des alten Testamentes, das Biblische ist da, als ein tragendes Element. Aber da ist auch das Golus, das Ghetto, da ist das Chassidische, als Gefühlsquelle, da ist das Verbogene und Vertüftelte, da ist das jüdische Idiom, anheimelnd und burlesk, kindisch und kaustisch, der Mutterwitz des Volkes und die Romantik des Volkes (es gibt keine realistischere Romantik). WieAgnon all diese Elemente zur lebendigen Einheit, zum Stil verband, darin erst bewährt sich seine eigentliche schöpferische Tat. Der strengste und edelste Stil ist die Wahrheit. Aber es gibt verschiedene Wahrheit. Es gibt die Wahrheit des treuen Beobachters und meisterlichen Gestalters, wie sie etwa I. L. Perez hat. Auch Perez — ein Dichter, jeder Liebe und Verehrung würdig — gestaltet in seinen chassidischen Geschichten das Volk, nicht etwa chassidische Idealbilder, sondern das kleine, abergläubische, und doch vom chassidischen Geist beseelte, befruchtete Volk in seiner Allzumenschlichkeit, in seiner realen, realistischen Wahrheit.^ Das Wort „realistisch" bedeutet hier bereits eine Einschränkung von „real". 22