Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Neben dem Zionismus [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Bücherschau Onojchi u. a. Doch dort wird sie bejaht, verklärt, vielleicht sogar auch manchmal sentimental verbogen; hier herrscht Kritik, Aufruhr, Abkehr. Das Konfuse soll konfus, sinnwidrig, fast abschreckend wirken, so in der „Geschichte vom steifen Kragen". Das stärkste Stück der Sammlung zeigt einen Abtrünnigen. Der ganze Berdyczewski steckt in den Briefworten dieses Helden an ein Mädchen: „Ich sagte Ihnen einmal vom Juden in mir, aber auch das ist nur Weh, ein ohnmächtiges Rachegefühl. Ja, Rache möchte ich üben für all das, was in uns umgebracht worden ist . . Gewiß meinen Sie es gut mit mir. Sie sind mir eine wahre Freundin, und wenn ich an Sie denke, muß ich immer an lebenden Marmor denken. In ihm haben die Griechen ihren großen Frieden gestaltet, wir haben nie einen gehabt." Überdies läßt der „Held", der ein Schwächling und Zauderer ist, das geliebte (oder doch nur halb geliebte) Mädchen schließlich im Stich. Soll man etwa die Überschätzung des Griechentums, der Natur, Brutalität, usf. als Überkompensation innerer Haltlosigkeit erklären? So gesehen ist Berdyczewski ein tragischer Grenzfall des Judentums . . . Die kleinen Bilder „Ein Ketzer alten Schlages" und „Saul" zeigen sein Dichterisches am reinsten, lassen fühlen, aus wie tiefer Liebe zu seinem Volk hervor dieser Skeptiker Klage und Selbstanklage ans schmerzliche Licht hebt. Max Brod „Und das Krumme wird gerade" Der eigentliche Titel des Werkes*) lautet: Und das Krumme wird gerade. Geschichte eines Menschen mit Namen Menascheh Chajim, aus der heiligen Gemeinde Buczacz (fest gründe sie der Höchste, Amen), der von seinen Gütern herabsank, und die Armut (der Barmherzige bewahre uns) ließ ihn weichen vom Wege seines Herrn, und er warf einen Makel auf Israel, und war gescholten und verstoßen und umhergetrieben und verstörte doch nicht das Leben anderer, und wurde mit Namen und Andenken begnadet, wie es in diesem Buche des längeren erklärt wird. Und auf ihn und seinesgleichen sagt die Schrift: „Und dann tilgen sie ihren Frevel", und es erläutert Raschi (sein Andenken zum Segen): „Sie sühnen ihren Frevel durch ihre Leiden." — Das hat verfaßt und hat es aufgeschrieben S. J. Agnon. *) Die deutsche Übertragung (von Max Strauß) ist soeben im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen. Agnon ist ein neuhebräischer Dichter, 30 Jahre alt, aus Galizien gebürtig, aus Palästina ins Exil gewandert, in Deutschland lebend. Der- Titel, den ich zitiert habe, die Kapitelüberschriften (in derselben Weise das Ansagen der Chronik mit religiös-moralischen Sentenzen durchflechtend), die Mottos aus heiligen Schriften, die ganze erbauliche Erzählung aus dem Leben des ostjüdischen Alltags, fabulierend und moralisierend, mit ihren Einschlägen von Talmudischem und Schwankhaftem einen religiösen Grundgedanken durchführend und ausschmückend, unterhaltend und belehrend, aufrüttelnd und erschütternd, quälend und rührend, richtend und tröstend, mahnend und versöhnend, das jüdische Herz mit seinem ganzen Inhalt an Lust und Leid füllend, und es reinigend, es in Gott verwandelnd: dieses ganze triviale und erhabene, weltliche und geistliche, laienhafte und gelehrte, schlichte und krause, bizarre und edle Gebilde ist in Form und Inhalt zunächst nichts anderes als ein jiddisches Maaße-Büchel. Eine jener Volkserzählungen, wie das profane, niedere Volk sie dichtet und liest; zumeist die Frauen lesen es in ihrer Einfalt, bis das Maaße-Büchel zerlesen und auswendig gekonnt ist; aber noch immer nicht ist seine Süßigkeit ausgepreßt, und man wird nicht müde, darnach zu verlangen. Solch ein Buch schöpft nur aus dem engen Kreise des Volksbewußtseins, aus dem Volksleben und seiner Erfahvuh g, seinem Sinnen und Trachten, Fühlen und Meinen, aus den Bräuchen und Sitten, und es gibt mit dem Glauben zugleich den Aberglauben, mit der Seele ihre Hüllen und Fetzen, und die Wahrheit im Trug. Kein ungebildetes Weib aus dem Volke, das diese Geschichte nicht, Wort für Wort, verstehen könnte, und sie nicht durch und durch fühlen würde, obwohl nur der Edelstgebildete des jüdischen Volkes sie ihrer Höhe und Tiefe, in ihrem wunderbaren Werte ergründen und begreifen und würdigen wird. Daß das Volk sie empfindet, dafür bürgt der zutiefst chassidische Gehalt, das lebendige, innige religiöse Herz, das bis ins letzte Geäder des Buches fühlendes Blut entsendet. Fürs Volk mag es etwa ein jüdischer Enoch Arden sein, die chassidische Odyssee des Bettlers, der heimkommt, nach weiter, tiefer Irrung, und er ist tot geglaubt, sein Weib neuvermählt, ein Kind ist der bisher Unfruchtbaren geboren, und der Bettler schleicht sich weg, um diese Glücklichen nicht zu verderben; er schleicht sich, ein stummer Mann, zu den Toten, wohin er gehört; lebt auf den Friedhöfen, bis er, um die Lebendigen von der Schuld zu befreien, die seine Existenz auf sie häuft, vollends in den