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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 293

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Neben dem Zionismus [Rezension]
Date
1918-01-01
Page
293 (sequence 1)
Language
German
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BUCHERSCHAU Neben dem Zionismus*) Der Zionismus hat zwei Nebensonnen, Ach ad Haam und Berdyczewski, die ihn links und rechts, nach der Seite der Geistigkeit und der Weltlichkeit hin flankieren. Beide suchen die Zentralsonne aus ihrer geheimnisvollen Geist- Weltlichkeit, dem Zauber ihrer Gravitation herauszureißen, abzulenken. Über Achad Haams Kritik kann sich der Deutsch-Lesende nach der schönen zweibändigen Ausgabe des „Jüdischen Verlags" sein Urteil bilden. Es ist gut, daß nun auch die in deutscher Sprache verfaßten zerstreuten Arbeiten desTheoretikers und Dichter-Kritikers Bin Gorion (Berdyczewski) — als Erwecker des jüdischen Sagenreichtums lieben wir ihn schon lange — gesammelt vorgelegt werden, wenngleich diese beiden Bändchen mehr Gelegenheitsarbeiten als das mit Bedacht gesprochene, entscheidende Wort enthalten ... Während Achad Haam den Zionismus nicht geistig genug, nicht „auserwählt" genug findet und die politische Aktion fast ganz aus ihm verbannt wissen möchte, greift Berdyczewski den unweltlichen, unwirklichen, unorganischen Charakter der Bewegung an und verlangt eine Rückkehr zum alten Geiste Israels, den er (als echter Jünger Nietzsches) in einer Verherrlichung des „Schwertes", der Ausbreitung, der Macht, in einer Art Heidentum hebräischer Nationalität findet Dem Geist Israels ist nach Berdyczewskis Ansicht der Geist Judas, der Geist des „Buches" und des „Gesetzes" beigemengt worden und bat ihn schließlich verdrängt, was sich u. a. auch im Sprachsieg des weicheren Aramäischen über das granitene Hebräisch manifestiere ... Man kann meiner Ansicht nach einer derartigen bellikosen Ausdeutung des Judentumssinnes nicht entschieden genug entgegentreten. Das »Nein", das ich solchen und ähnlichen Deduktionen (sie gemahnen mich an die Stellung derSadduzäer) entgegenwerfe, möchte ^h am liebsten durch ein tausendwandiges Echo verstärken. Wenn Berdyczewski freilich *)ZweiGenerationen (Erzählungen) und vom östlichen Judentum (Essais) von M. Jbin Gorion (Berdyczewski), Verlag Löwit, Berlin-Wien 1918. aus genauester Kunde, persönlichster Erfahrung das Leben im jüdischen Städtchen und Marktflecken, die Kläglichkeit und Unsinnigkeit des beengten Daseins schildert, so gibt man ihm recht in der Konstatierung, daß es so nicht weiter geht, daß es eines Volkes unwürdig ist, in dieser Erbärmlichkeit weiter zu vegetieren. Aber daraus, daß es so nicht sein soll, folgt doch noch lange nicht, daß „die Art der Völker", daß Europäertum, hellenische Kraft usf. unsere Parole werden muß (ganz abgesehen davon, daß „dieArtderVölker" doch nicht ohne weiteres mit „Schwert und Krieg", mit „Schlachten und Eroberungen" identifiziert werden kann, wie es Berdyczewski Seite 72 tut). Alle diese Schlagworte klangen vor einigen Jahren schöner als heute, da sich das Europäertum zum Universalbankrott der Kultur, zu einer Art Generalprobe des Jüngsten Gerichts ausgewachsen hat. Vielleicht ist auch Berdyczewski heute nicht mehr so überzeugt davon, daß der Weg der (geistigen) Absonderung, besser gesagt: Besonderheit jüdischen Wesens unserem Volke schädlich sei, vielleicht weiß er heute schon, daß gerade diese Besonderheit, die eine Synthese von Geist und Weltlichkeit, von Gerechtigkeit und Staat verheißt, den Weg zur Erlösung (nicht nur für uns, vielleicht für alle Völker) bedeutet. Daß Berdyczewski gegen Achad Haam die Notwendigkeit organischen Wachstums der Palästina-Siedlungbetont, ist dankenswert. Aber er übertreibt maßlos, wenn er findet, daß Pinskers und Achad Haams „geistiges Zentrum" durch die Chalukajuden in Safed usf. eigentlich schon verwirklicht sei — dieser Spott ist eine Unterschätzung des Gegners. Nein, zwischen dürrer Tradition und allzu üppiger „Art der Völker" mitten hindurch, in eine aus urjüdischem Instinkt geborene, unverkrustete, doch auch unverdreckte Geist-Weltlichkeit hinein, weder krankhaft blutlos noch grausam blutig verläuft der Weg des Zionismus, dessen politische Aussichten heute glücklicherweise viel günstiger stehen, als sie Berdyczewski in seinen teilweise bis ins Jahr 1905 zurückreichenden Aufsätzen schildert. — Die Novellen gehören derselben engen Welt an wie die Essais. Es ist die Welt der „Chassidischen Erzählungen" eines Perez,

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