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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 278

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
278 (sequence 2)
Language
German
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278 E. M. Lipschütz: als daß diese Vermittlungssprache Hebiäisch war. So bestand in Palästina seit langem in gewissen Kreisen zwischen den Stämmen eine hebräische Verkehrssprache mit gewissen typischen Eigenschaften, in ihr unterhielten sich der sefardische Chacham und der askenasische Rabbi und der marokkanische Kabbalist über talmudische Fragen, agadische Einfälle, mystische Unverständlichkeiten und philosophische Erwägungen, wohl auch über Rechtsfälle und Gemeindeangelegenheiten oder gar über Dinge des gewöhnlichen Lebens. Mitunter wurde sogar hebräisch gelernt und gelehrt, wenn just ein Sefardi von einem Askenasi Talmud lernen, ein Askenasi in einem sefardischen Kreis Kabbala betreiben wollte, oder ein Sefardi in einem Bucharischen Cheder unterrichten sollte. Einzelne Kabbalisten sprachen überhaupt auch zu Hause nur hebräisch und zwangen so auch ihre Umgebung dazu. Bezeichnend für diesen Verkehr war die sefardische Einheitsaussprache, trotzdem die Askenasim die anderen an Bedeutung übertrafen. Dieses hebräische Vermittlungsidiom war von großer Einfachheit; reich an hebräischen Elementen aus den verschiedenen jüdischen Volksidiomen, stark vom Wortschatz der Bibel und des Gebetbuches beeinflußt; trotz der Armut seines Umfanges, von Reminiszenzen durchsetzt, syntaktisch unter dem Einflüsse des Jüdisch-Spanischen und des Arabischen, hatte es so eine gewisse erkennbare Eigenart. Dieser Zwischenstämmekreis war noch vor der neuen Sprachbewegung, überhaupt vor dem neuen Jischub vorhanden. Ein großer Teil der hebräisch Sprechenden in Palästina, alle alten Juden, alle vom alten Jischub, gehören noch heute diesem Sprachkreise an, freilich bereits sprachlich von dem Neuen beeinflußt. Will man dieses Hebräisch unverfälscht hören, so muß man einen uralten sefardischen Chacham aufsuchen und um Erzählung alter Sagen bitten. Eine ganze Reihe älterer Frauen in Palästina, die hebräisch sprechen, hat ihre Sprachgeläufigkeit aus ihrer Jugend, aus diesem älteren Sprachkreise, aus der Zeit vor dem neuen Jischub, als in der gesamten Judenheit Frauen dem Hebräischen noch ganz fernblieben. An diese bereits bestehende Verkehrssprache knüpfte die junge Bewegung an. Es kam von selbst, daß man daran anknüpfte, und es war natürlich so. In manchen Spracheigentümlichkeiten der Ungebildeten, in manchen schwer zu bekämpfenden Sprachfehlern zeigt sich noch heute der Einfluß jener älteren hebräischen Vermittlungssprache. Besonders aber scheint jenes ältere Hebräisch Einfluß auf die Wahl der Gemeinaussprache gehabt zu haben. Das jüdische Volk hat heute einige Aussprachen des Hebräischen, über deren sprachhistorische Berechtigung zu diskutieren es müssig wäre. Sie zerfallen in zwei Gruppen: in askenasische Aussprachen, zu denen auch die jemenitische zu zählen wäre, welche sich hauptsächlich im Vokalismus unterscheiden und wahrscheinlich auf eine alte nordpalästinensische Aussprache zurückgehen, auf der auch die heute geltende tiberiensische Punktuation beruht, und sefardische Aussprachen, welche sich mehr konsonantisch unterscheiden und wahrscheinlich auf eine alte babylonische und noch ältere judäische Aussprache zurückgehen*). Das Hebräische als Um- *) J. L. Idelsohn „Die Aussprachen des Hebräischen", MGWJ 1913 S. 527 hat die Aussprachen phonetisch in großer Vollständigkeit registriert. Dazu noch die Abhandlung von Hubert Grimme (Festschrift Sachau Berlin 1918). Askenasische Aussprachen sind: die deutsche, die polnische, die litauische, unterscheidendes Moment der O-Laut (au, ou, oj, äu, öu, ej) Sefardische Aussprachen: balkanische, palästinensische, babylonische, persische, marokka-

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