Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 260 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Herman Kranoid: Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus die zu dem Bedarf an Petroleum in Europa in gar keinem Verhältnis stehn, vor allem aber schlummert der Ackerboden der Türkei noch vollkommen, fast nichts, was aus ihm herausgeholt werden könnte, wird heute aus ihm herausgeholt; das Getreide, das Zuckerrohr, der Tee und die Baumwolle, die auf dem mesopotamischen Boden erspriesen können, sind noch nicht da. Diese reichen Muttergebiete der Landwirtschaft, die in frühern Zeiten wahre Kornkammern der Erde waren, liegen heut noch zum größten Teil brach und unbenutzt, in einer Zeit, in der besonders an Getreide und Baumwolle allenthalben in der Welt, besonders bei den europäischen Völkern, bitterster Mangel besteht. Wie alle Völker des europäischen Festlands muß daher auch das deutsche Volk und grade seine am Sozialismus am stärksten teilnehmende Industriearbeiterschaft darauf bedacht sein, diese Zustände zu ändern und zu bessern und die reichen Produktivkräfte der europäischen und asiatischen Türkei in jeder Provinz uns ebenso wie unsern Nachbarn zu erschließen. Dazu gehört wiederum, wie wir angedeutet haben, das Gelingen der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina, und so sprechen nicht nur Erwägungen des Mitleids, sondern Überlegungen über praktischen Nutzen und Schaden laut und deutlich für den Zionismus. Und wenn man die Sache recht betrachtet, wenn man die Frage des Sozialismus als gesteigerte Produktivität der menschlichen Wirtschaft ernst nimmt, dann spricht auch noch die Pflicht dafür, nicht bloß erworbne Güter gerecht zu verteilen, sondern auch der gerechten Verteilung weitre Gütermassen reichlich zuzuführen. Aus allen Ursachen ist es sozialistische Pflicht, gerade in Deutschland für den Zionismus einzutreten. Wir wollen uns nicht lange damit aufhalten, darauf hinzuweisen, daß das dem deutschen entschieden feindliche englisch-amerikanische Proletariat in diesen Fragen uns ernsthaft den Rang abzulaufen sucht; wir wollen uns auch nicht länger damit aufhalten, hervorzuheben, daß uns der Kampf gegen Knochenweichheit in nationalen Dingen, wie er im Zionismus sich darstellt, ganz besonders sympathisch sein muß; wir wollen zum Schluß nur betonen, daß im Zionismus sich ein nicht geringer Idealismus verkörpert und daß die sozialistische Bewegung, die den rohen Materialismus des Lebensgenusses ebenso bekämpft, wie den flachen Positivismus der Nützlichkeitsphilosophie, wie er sich im englisch-amerikanischen, leider auch bei uns schon allzuweit eingedrungnen Geist verkörpert, den Kampf gegen rohen Materialismus und flachen Nütziichkeitssinn im Judentum, wie ihn der Zionismus so energisch betreibt, als eine Art von geistiger Verwandtschaft empfinden muß. Wir wollen nur darauf hinweisen, daß für die Emanzipation des jüdischen Proletariats die Herstellung einer normalen jüdischen Nation die erste Bedingung ist, daß ohne Palästina die jüdische Nation nicht wieder errichtet werden kann und daß deshalb die Errichtung eines national-kulturellen jüdischen Gemeinwesens in Palästina zu unterstützen eine Pflicht des deutschen Sozialismus auch deshalb ist, weil er nur so dem Gebot internationaler Solidarität gegenüber seinen jüdischen Klassengenossen Genüge tun kann. Hoffen wir, daß der deutsche Sozialismus es bald einsieht, daß aus diesem seinen Geist heraus freundliche Stellung zum Zionismus, energisches Eintreten für den Zionismus geboten ist, und hoffen wir, daß solches tatkräftiges Eintreten dann auch bald die erwünschten Früchte zeitigt. Chemnitz Herman Kranoid