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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 252

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
Date
1918-01-01
Page
252 (sequence 2)
Language
German
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252 Herman Kranold: in Deutschland befindlichen ostjüdischen Arbeiter zu kümmern und im übrigen dem Antisemitismus im allgemeinen, wo er sich zeigt, scharf entgegenzutreten. Davon, daß der deutsche Sozialismus in seinen verschiednen Spielarten die Bedeutung des großen jüdischen Problems eingesehn hätte und daraus die erforderlichen weitgehnden politischen Konsequenzen zöge, kann leider kaum die Rede sein. Einzelne Tageszeitungen der Sozialdemokratie, vor allem die „Chemnitzer Volksstimme", machen zwar von dieser Erscheinung eine Ausnahme, aber sie sind in dieser Stellungnahme einsam auf weiter Flur, und ebenso geht es den wenigen Angehörigen der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die sich um die „Sozialistischen Monatshefte" gruppieren und die in dieser Zeitschrift nachdrüfcklich und eifrig vertretne, dem Zionismus freundliche sozialistische Politik ihrerseits verfechten. Sie stehn in der Sozialdemokratie selbst recht allein. Zwar haben sich in den letzten Monaten einige hervorragende Abgeordnete der Partei dem Komitee „Pro-Palästina" angeschlossen, ja, der Reichstagsabgeordnete Noske, der Chefredakteur der „Chemnitzer Volksstimme" ist, ist sogar Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses dieses Komitees. Aber davon, daß für eine vernünftige Lösung des ostjüdischen Problems die sozialdemokratischen Parteien sich eingesetzt hätten, kann leider noch nicht die Rede sein. Gerade solche Zustände, wie der zu Eingang erwähnte, lassen es aber als dringend wünschenswert erscheinen, daß dieser Saumseligkeit endlich ein Ende gemacht wird, und so mag es erlaubt sein, daß an dieser Stelle ein nicht jüdischer deutscher Sozialist wenigstens die Grundzüge zu skizzieren versucht, warum seiner Meinung nach an einer energischen Unterstützung des Zionismus grade der deutschen Sozialdemokratie besonders gelegen sein sollte. In der Reihe der Motive, die dafür sprechen, steht an oberster Stelle ein allgemein menschliches Gefühl: das Mitleid. Wer das Elend der Ostjuden an Ort und Stelle schon im Frieden kennen gelernt hat, wer es weiß, unter wie zahllosen Verfolgungen und Hetzereien das jüdische Volk in Polen, Litauen, dem Baltikum und der Ukraine seine Nationalität zu wahren gewußt hat, wer gesehen hat, welches unendliche materielle Elend dieses Volk auf das schlimmste niederdrückte, der wird sich auch, wenn er während des Kriegs nur einen flüchtigen Blick in das Wohngebiet der Ostjuden geworfen hat, ungefähr ein Bild machen können, wie entsetzlich schlimm es jetzt dort steht. Dazu kommt, daß dem, der von diesen Dingen nur etwas erfahren will, reichlich Quellen zu Gebot stehn, um sich ein genaues Bild zu machen. Wir wissen ja alle, daß wenigstens zeitweise die nationalistischen Strömungen im Polentum von den okkupierenden Mächten kaum gehindert wurden, ihre judenfeindlichen Instinkte zügellos walten zu lassen; wir wissen es ja, daß selbst unter der deutschen Besetzung in Städten wie Warschau und Lodz tagelang ellenlange Aufrufe zu Pogromen an den Mauern prangen konnten, bis sie schließlich von den Beamten entfernt wurden; wir wissen, daß das wirtschaftliche Leben in den Städten der Ukraine durch die Kriegshandlungen und durch das Hinundherwogen der sozialen Revolution in der Wurzel geknickt wurde, und wir können uns deshalb sehr gut vorstellen, wenn wir uns nur ein wenig Mühe geben, uns diesen Zustand genauer auszumalen, wie es dort mit den Juden steht. Und ebenso ist es nicht schwer, sich klarzumachen, wie die Lage der Ostjuden sein wird, wenn alles beim alten bleibt, wenn nicht spätestens beim allgemeinen Friedensschluß durchgreifend und gründlich für sie gesorgt wird und nicht wenigstens beim allgemeinen Friedensschluß ihre nationalkulturelle, Autonomie durch internationale Aufsicht sicheri

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