Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jiskor [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 244 (sequence 2)
- Language
- German
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244 Bücherschau Völkern das Leben spiegelt, dem Leben folgt, sondern ein abnormales Dasein jenseits und vor dem Leben führt. Hier aber ist das neue jüdische Buch. Hier gingen Leben und Tod voran, kämpften und starben die Arbeiter; nun folgen ihnen diese Blätter, Erinnerungssteinchen auf das Grab. Es ist auch kein Buch wie andere Bücher, abgerissene Blätter sind es, als stammelte der Geist jüdischen Schrifttums unsicher sein Wort. Einst aber kommt der jüdische Dichter und wird ihnen allen ein Denkmal setzen: jizchak Achduti, dem Jerusalemer mit den Kinderaugen, den sein erträumter erster Erntewagen begrub, Schmueli, dem sein Herz zersprang, Berl Schweiger, der den Arabern ihr wildes Leben neidete; von Jecheskel Nissanow und seinem Freunde wird der Dichter erzählen, die in Krakau im Keller zusammen ein Bett mieteten, denn abwechselnd arbeiteten sie die Nacht durch, um das Geld für die Palästinareise zusammenzuscharren; von Jakob Plotkin, dem angesehenen Poltawer Kaufmann, der mit 43 Jahren zusammen mit den beiden Söhnen und der Tochter, der Gymnasiastin, Arbeiter in Sedschera wurde ... von ihnen allen wird der Dichter erzählen, die so bald fielen und doch ihr Leben bis zur Neige gelebt haben; und von den Müttern, die sie suchen, von den jungen Witwen ... Junge Juden werden an diesen Dichterworten erzogen werden, ein neues Judentum wird sich in die keimenden Seelen senken. Die Schuld von Jahrhunderten wird dann gesühnt sein. Im Felde Hugo Bergmann Das Zeugnis: „Jiskor" Worum handelt es sich hier? Nicht um Einzelne, so prachtvoll eigen, einzeln und deutlich jeder der gefallenen Wächter palästinensischer Felder auch aus diesem Buche tritt. Nicht um Helden, so heroisch ihr Leben und so schlicht und schwer ihr Sterben sie auch davongetragen haben möge. Und nicht um ein Buch — obwohl es viele Stellen von großer Ruhe und Stärke und einige Stellen von sehr bewußter und verneinenswerter Mache enthält. Hier ist das erste Zeugnis von der Art des neuen jüdischen Menschen und der Kraft des neuen jüdischen Lebens; ein Zeugnis: und damit ein Denkmal, an dem vorüberzugehen, ohne es ganz in die Seele aufzunehmen, niemandem gestattet ist, der es mit unserer, mit seiner jüdischen Sache ernst und ehrlich meint. Und wie arm wäre er, wenn er vorüberginge I Welche Kraft, welch herrliche Heiterkeit spricht aus diesen Seiten, die dem Tode gewidmet sind und den Toten! Welche strahlende Reinheit der Atmosphäre in diesen Lebensläufen, welche Männlichkeit und Schlichtheit und wieviel Jugend! Ja, nur der begreift diese Erinnerungen und Gedenkworte ganz, der sie als Ausdruck der Jugend erfaßt. Die Jugend ist es, die hier triumphiert; die neue Jugend aus dem alten Judentum. Und darum ist dem Buch eine so verjüngende und entzückende Kraft gegeben. Nicht, weil in ihm zum ersten Male das jüdische Land selbst gegenwärtig ist, sein Licht, seine Erde, seine Hügel und Gewässer, seine Mühsal und Fruchtbarkeit; nicht, weil hier endlich die Arbeit der Gegenstand des Erzählens ist, wie sie der Gegenstand des Lebens der Gefallnen war, die Arbeit der Hände und des ganzen Leibes, der ganzen freigelassenen und ihr verschenkten Seele; auch nicht, weil hier Juden mit ihren Leibern und Leben Zeugnis ablegen für die neu erstandene Wehrhaftigkeit und Völligkeit jüdischen Wesens, die ersten und ganz schlichten Verkörperer der Erneuerung; und nicht schließlich, weil all diese Menschen, geboren in Rußland, Amerika oder im Lande selbst, sich auf herrliche und ergreifende Art eingesetzt und dargebracht haben, um nach der Schöpfung auch die Verteidigung der neuen Siedelungen, nach der harten Arbeit auch die harte Wacht gegen den Bedroher der Frucht selbst zu leisten, und als in die Erde gesenkte Grundsteine jüdischer Landnahme sich dem geliebten Boden einverleiben ließen — nein, weil hier Kameraden von Kameraden reden, vom jungen hingerissenen und heilig nüchternen Bruder, darum ist diese Schrift des Todesgedenkens so unendlich heiter und befreiend, so ganz das Denkmal der Auferstehung und des Lebens selbst, so glanzvoll erhellt und strahlend vom reinen leuchtenden Südhimmel. Welch eine Reinigung! Und weich ein Wunder: ein jüdisches Maskirbuch, das vom Leben und seiner Unzerstörbarkeit, das von Jugend strahlt, von jüdischer Jugend unmittelbar entzündet ist! Die Gestalten dieser Wächter und ihre Wacht stehen in der Helle des ewigen Morgenrots. Das Land hat diese Gestalten nicht geschaffen, es hat sie entbunden. Geschaffen aber hat sie jene erschütterndste Form der jüdischen Jugendbewegung, die russische Revolution, der russische Sozialismus. (Ich weiß sehr genau, daß dieser große Strom aus vielen Quellen genährt wurde, daß der Anteil der jüdischen Jugend nur eine von vielen Quellen ist; auf sie aber kommt es hier an.) Dem jüdischen Urantrieb zum gerechten, wahrhaften und brüderlichen Leben, dem jüdischen Drang zur Tat und Selbstdarbringung, der unter der Angst-