Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jiskor [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 243 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Jiskor*) Es ist schwer, über Jiskor zu schreiben. Schwer vor allem für uns „Zionisten" in Europa, die wir Zeitgenossen all der Taten und Leiden waren, von denen in diesem Buche erzählt wird, und sie dennoch nicht miterlebten. Wie sollen wir von diesem Buche sprechen, ohne zunächst unsere Sünden zu bekennen? Ohne zu sagen, daß wir erst aus diesem Buche von Meirke, von Achduti, von all den andern erfahren haben? Wie fern, Freunde, ist alles das, was wir hier zionistisches Leben nennen, all die Geschäftigkeit in Versammlungen, Kaffees, Redaktionen dem wirklichen Bauen Zions! Herb klingen die Worte Dob Clays in diesem Buche: „Liegt die Schuld nicht daran, daß die Träger der zionistischen Idee faul sind und ihr Herz nur halb bei der Sache ist? . . Sobald man für etwas oder für jemand tätig sein soll, ist das ja schon eine indirekte Beziehung oder besser gesagt eine Wahl; will ich, so tue ich etwas, will ich nicht, kann mir auch keiner dafür etwas anhaben ... Wenn ihr es ernst meint mit eurem Zionismus, dann müßt ihr die Verwirklichung eures Zionismus bei euch selbst beginnen, durch euch selber und für euch selber, und wenn diejenigen, die behaupten, die eifrigsten Anhänger des Zionismus zu sein, die Zionisten, das nicht tun, wird der Zionismus niemals verwirklicht werden." Bitter und herb klingen diese Worte eines, der keine „Wahl" mehr hatte, der das Tor der Welt, das Buber das Tor der Möglichkeiten genannt hat, hinter sich zugeschlagen hatte ... Jiskor wird manchem seiner Leser ein Wendepunkt des Lebens sein. Für unsere Literatur, die zionistische, die jüdische ist es sicher ein Markstein, ein Buch des Zeugnisses. Ehe Martin Buber es deutsch herausgab, ist es von Arbeitern in Palästina hebräisch, später erweitert in Amerika jiddisch herausgegeben worden **). Es ist meines Wissens das *) Jiskor. Ein Buch des Gedenkens an gefallene Wächter und Arbeiter im Lande Israel. Mit einem Geleitwort von Martin Buber. Jüdischer Verlag, Berlin 1918. **) Eine ergänzte jiddische Ausgabe ist soeben im Verlag Bet-Am in Lodz erschienen. erste Buch jüdischer Arbeiter, das deutschen Juden vermittelt wird. Eine unübersteigliche Kluft trennte bisher den deutschen Zionismus von der jüdischen Arbeiterbewegung. Während sich unsere theoretische Arbeit immer tiefer in die verwickelten Probleme unseres Daseins einbohrte, gingen wir an der kraftvollsten Äußerung jüdischen Daseins teilnahmslos vorbei. Das unheimlich Lebensferne, das manche an der zionistischen Publizistik deutscher Sprache schmerzlich empfanden, kam daher, daß ihr die Berührung mit den Massen fehlte. Hier schlug Buber, der uns schon so oft einen neuen Weg wies, mit diesem Buche eine Brücke. Wenn mich die Zeichen nicht trügen, dann ist der Punkt, wo die deutschen zionistischen Intellektuellen sich mit der jüdischen Arbeiterbewegung finden werden, die gemeinsame Sehnsucht nach einer neuen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens. Die jüdischen Arbeiter nennen es Sozialismus, aber Dob Clay und „die meisten Poale-Zionisten in Palästina" (S. 188) fühlten: „daß der Sozialismus keine politische Bewegung — für uns jedenfalls nicht — sondern ein Weg ist, der uns durch Schaffen, durch Arbeit, durch Verbindung von Idealismus mit dem Herzen naher, physischer, schaffender Arbeit zur neuen freien Gesellschaft führen wird. Er glaubte dann, daß der jüdische Sozialismus, der aufbauende, schaffende Sozialismus als lebendiger Geist über uns Kleinkaufleute siegen muß... Er glaubte, der jüdische Sozialismus werde seine innere Macht nicht durch eine mechanische Organisation von jüdischen Arbeitern bewähren, die jeden ihrer Tage verfluchen und auf ihre Arbeit wie auf Ketten, von denen man sich nicht losreißen kann, sehen, sondern in dem Wiederaufblühen des jüdischen Schaffensgeistes." So finden sich, hoffe ich, zionistische Intellektuelle und jüdische Arbeiter in dem Gedanken, daß der Zionismus den kapitalistischen Kolonisationen der Europäer entgegensetzt die Siedlung im Dienste eines neuen Gesellschaftsideals. Jiskor ist ein Buch der Wende für unsere jüdische Literatur. Achad Haam spricht einmal von der gespenstischen Existenz des jüdischen Buches, das nicht wie bei andern