Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die rumänische Juden"frage"
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen 195 waren Ausbrüche einer Massenverhetzung, voll von Leidenschaft und Wut, wenn diese Wut auch von der Art tierischer Bestialität war. Hier in Rumänien ist nichts von Leidenschaft, Haß, Fanatismus, nichts Gefühlsmäßiges oder Triebhaftes in der Unterdrückung der Juden. Alles ist kalte Politik, Geschäftspolitik der zynischsten Art, alles Berechnung, raffinierteste Schlauheit. Hier werden seit Jahrzehnten von den Machthabern Verbrechen mit völlig kaltem Blute begangen, durchaus im Bewußtsein, daß Verbrechen begangen werden, ganz überlegt und berechnet. Hier werden seit Jahrzehnten 250000 wehrlose Menschen in kalter Niedertracht brutalisiert, als Mittel und Methode der Politik, um der Wut und Verzweiflung der unerhört unterdrückten Bauernschaft in den Juden ein Objekt des Hasses zu geben, um die Herrschaft einer korrumpierten kleinen Bojarenschicht zu sichern, um die Konkurrenz der Juden zu beseitigen usw. Dies alles wird getan im Widerspruch zu ausdrücklich übernommenen Verpflichtungen und unter Aufwendung einer unsäglich raffinierten Schlauheit, um diese offenkundigen Vertragsbrüche zu verschleiern. Man muß diese Dinge nachlesen, um zu erkennen, was im 19. und 20. Jahrhundert in Europa möglich war, um die ganze Hohlheit und Morschheit des heutigen politischen Systems Europas zu durchschauen. Denn Europa trägt die Schuld an diesen Verbrechen; dieses Europa, dem es ein Leichtes gewesen wäre, ihnen ein Ende zu machen, dem aber Eisenbahnkonzessionen, finanzielle Transaktionen und politische Gesichtspunkte Grund genug waren, solche Verbrechen zu dulden; dieses Europa, das aus dieser Kette unerhörter Niederträchtigkeiten eine politische „Frage" gemacht hat, und das erst jetzt wieder gezeigt hat, wie es solche Fragen auffaßt und löst. Man verliert, hat man diese beiden Schriften gelesen, fast jeden Glauben, daß in absehbarer Zeit den Verbrechen, die an den rumänischen Juden begangen werden, ein Ende gemacht werden wird. Nichts ist von den rumänischen Politikern zu hoffen und wenig nur von den europäischen. Uns aber bleibt nichts übrig, als immer wieder den Machthabern und Völkern Europas in die Ohren zu gellen, was da unten im Rumänenlande geschieht; als die niederträchtige Komödie, die eine rumänische Judenfrage konstruiert, die „politisch" behandelt und gelöst werden soll, zu entlarven Und immer von neuem in die Welt hinauszuschreien, daß diese Frage in nichts anderem besteht, als daß täglich und stündlich 250000 Heft 4. Menschen in ihren elementarsten Rechten vergewaltigt werden, daß täglich und stündlich von der Regierung Rumäniens Verbrechen der schlimmsten Art gegen Leben und Existenz von 250000 ihrer Bürger begangen werden. Vielleicht daß dann den europäischen Politikern und Völkern doch eines Tages das Gewissen erwacht und sie jene geringe moralische Energie aufbringen werden, die schon genügen würde, diese Frage zu lösen, d. h. diesen Verbrechen ein Ende zu machen. Amitai Eine unnötige Sorge In einem Leitartikel der Frankfurter Zeitung ist kürzlich die Sorge um die jüdische Kultur zum Ausdruck gekommen, für deren Erhaltung der Zionismus keine Gewähr gebe, da er „den religiös neutralen Judenstaat in Palästina" fordere und damit „die eigentümliche Kultur des Judentums, die eben religiöse Kultur ist1*, negiere. Er wolle — so meint die Frankfurter Zeitung unter Berufung auf I, Breuers polemische Schrift „Judenproblem" — „ein Volk bloß auf die Rasse gründen und bewußt alles ausschalten, was das Volk zum Volk gemacht hat, seine Geschichte, seine Kulturtradition", und tue daher dem menschheitlichen Interesse nicht Genüge, „das den Träger eines einmaligen und großen Kulturideals dauern wissen möchte." Aber er sei auch politisch bedenklich, da nur „ein Volk, dessen Nationalität in seiner Religiosität liegt, dessen Reich gleichsam nicht von dieser Welt ist", der Gefahr fern sei, „daß es zum Spielball der Politik würde"; „ein internationales Palästina aber muß, wie Breuer hervorhebt, allen politischen Einflüssen offenstehen". Die Sorge ist unnötig. Es gibt keinen Zionismus, der das jüdische Volk bloß auf die Rasse „gründen" will — es gibt nur einen, dem es sich auf seiner geschichtlichen Einheit aufbaut; nur daß es ihm möglich ist, diese geschichtliche Einheit unbefangener anzuschauen, als der Artikelschreiber der Frankfurter Zeitung es tut. Es gibt keinen Zionismus, der ein „internationales" — es gibt nur einen, der ein jüdisches Palästina anstrebt; nur daß es ihm nicht notwendig scheint, den Umkreis des Jüdischen so eng zu fassen, wie es dem Artikelschreiber beliebt. Es gibt aber auch keinen Zionismus, der damit lediglich ein von Juden bewohntes — es gibt nur einen, der damit ein seiner Kultur nach jüdisches Palästina meint; nur daß unter Kultur nicht ausschließlich das verstanden werden muß, was die Orthodoxie Breuerscher Observanz darunter versteht. Die Frankfurter Zeitung 14