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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 194

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Die rumänische Juden"frage"
Date
1918-01-01
Page
194 (sequence 2)
Language
German
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194 Bemerkungen Verbrechen, die, wenn ein Einzelner sie an einem andern begeht, mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft zu werden pflegen. 250000 Menschen, Menschen gleich allen, mit menschlichen Seelen und Hirnen und Herzen, 250000 menschlichen Geschöpfen, d. h. tausend und tausend und nochmals tausend, zweihundertfünfzig mal werden langsam zu Tode gemartert. Sie wollen Handel treiben, man verbietet es ihnen; sie wollen Land bebauen und sich ernähren, sie dürfen es nicht; sie wollen Ärzte werden oder Anwälte, es ist ihnen verboten; sie wollen ihre Kinder in Schulen schicken, sie dürfen es nicht; sie wohnen seit Jahrzehnten in ihren Häusern und werden eines Tages verjagt; sie versuchen, in harter, schwerer Arbeit ihr Leben zu fristen, sie werden plötzlich überfallen, geplündert, ihrer Habe beraubt, viele von ihnen werden totgeschlagen. Und wer dies alles ihnen antut, sind nicht einzelne Verbrecher, zufällige Diebe, Mörder und Räuber, die die menschliche Gesellschaft bestraft und in Gewahrsam setzt, sondern das ist eine Regierung und ein Parlament, das ist die anerkannte Vertretung eines ganzen Volkes, die berufen ist, die Angelegenheiten ihrer Bürger zu verwalten, ihnen Leben und Existenz zu schützen und ihre Daseinsmöglichkeiten zu bessern. Dies ist die rumänische Juden„frage". Dies und nichts anderes: daß die Regierung des rumänischen Staates fortgesetzt und stetig, täglich und stündlich, sich am Leben und an der Existenz von 250000 Einwohnern des rumänischen Landes vergreift, sie beraubt, bestiehlt und zuweilen tötet, nur darum, weil sie Juden sind. Versteht man, was dies heißt? Es ist lächerlich, solche Frage zu stellen? Es sollte lächerlich sein. Aber das moderne Europa, vor allem diejenigen seiner Menschen, die seine Politik machen, sind so pervertiert in ihrer einfachsten menschlichen Denkweise, haben sich angewöhnt, die schlichtesten menschlichen Dinge so abstrakt, so indirekt, so absurd zu betrachten, daß es erst eindringlicher Bemühungen bedarf, ihren Geist von dem Ballast politischer Gesichtspunkte und Denkmethoden zu befreien und sie dazu zu bringen, eine einfache menschliche Tatsache in ihrer ganzen furchtbaren Einfachheit zu sehen. Ich bin überzeugt, nennt man einem europäischen Politiker die rumänische Judenfrage, so denkt er sofort daran, daß diese politische Frage verknüpft ist mit vielen anderen Fragen, mit der Stärke der liberalen und der konservativen Partei in Rumänien, daß sie von diesen politischen Faktoren abhängt und jenen, daß sie in Beziehung steht zur außenpolitischen Lage des Landes, daß sie verbunden ist mit mannigfachen finanziellen Problemen des rumänischen Staates usw.; und er wird überhaupt nicht darauf kommen, daß hier die einfache, ungeheure und furchtbare Tatsache vorliegt, daß 250000 Juden, 250000 einzelne lebende Menschenwesen täglich unterdrückt, mißhandelt, an ihrem Leben geschädigt werden, daß an ihnen täglich Verbrechen gegen ihren Besitz, gegen ihre Freiheit, gegen ihre Existenz verübt werden, und all dies nicht von einzelnen verbrecherischen Individuen, sondern durch die organisierte, völkerrechtlich anerkannte und sanktionierte Regierung des Landes. Es ist gut und verdienstvoll, daß in diesen Wochen, da die rumänische Judenfrage wieder einmal „aktuell" geworden ist, (als ob die Tatsache, daß 250000 Menschen täglich in ihren elementarsten Rechten vergewaltigt werden, jemals unaktuell sein könnte!) von jüdischer Seite der wahre Tatbestand der „Frage" wieder einmal klargelegt wurde. Dr. S. Bernstein vom Kopenhagener Zionistischen Büro und J. M, Cargher, selbst rumänischer Jude, haben in zwei Schriften*) einiges von dem Material zusammengetragen, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte angehäuft hat. Beide Schriften sind durchaus sachlich, verzichten auf pathetische Anklagen und lautes Geschrei; sie berichten und erzählen, drucken Dokumente und Beweisstücke ab; sie sind weder erschöpfend noch konstruktiv, sondern lassen lediglich einen Teil dessen, was im Laufe der Zeit den rumänischen Juben an Unrecht zugefügt wurde, die einfache Sprache der Tatsachen reden. Es ist eine grauenhafte Sprache; grauenhaft, was in diesen letzten fünf Jahrzehnten an Niederträchtigkeit von Seiten der rumänischen Machthaber in der rumänischen Judenfrage ausgedacht und verübt wurde. Es gibt kein Kapitel der Judenfrage, das entsetzlicher wäre, weil es keines gibt, in dem die Verfolgung und Unterdrückung kälter, raffinierter, boshafter wäre als hier. Die mittelalterlichen Judenverfolgungen waren das Ergebnis eines religiösen Fanatismus; die Inquisition war letzten Endes immer noch eine Art von Mittel im Dienst einer Idee, wenn auch ein grauenhaft verirrter Dienst; die Pogrome in Rußland *) Dr. S. Bernstein, „Die Judenpolitik der rumänischen Regierung", herausgegeben vom Kopenhagener Büro der zionistischen Organisation. J. M. Cargher, „Die Judenfrage in Rumänien", VerlagC. O.Schwetschke u. Sohn, Berlin.

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