Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Realpolitik - Zukunftpolitik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 193 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101142-3103404--2505-3103463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bemerkungen 193 noch vorbereiten. Das setzt freilich voraus, daß wir selbst uns an dieser werdenden Welt orientieren und uns ein Recht auf diese Einstellung sichern. Aber die Freude über die Versprechungen der heute Mächtigen verwirrt und berauscht uns so sehr, daß wir das Werdende nicht recht sehen, die Kräfte, die heute niedergedrückt und geknebelt sind, die morgen hervorbrechen und über das Schicksal der Menschheit entscheiden werden. Deshalb schleicht sich oft in mein Herz ein Zweifel, wenn ich den Jubel unserer Politiker höre ob der Siege, die unsere Bestrebungen nach außen errungen haben. Daher sitze ich manchmal wie „ein Trauernder unter den Hochzeitsgästen". Eine große Aufgabe harrt jetzt derer in unserem Lager, die — wie zum Beispiel die Poale Zion — gerufen sind, für den Zionismus Beziehungen anzuknüpfen nicht in der Realpolitik, sondern in der Zukunftspolitik — mit den Mächten von morgen. Mögen sie auf der Wacht stehen in dieser großen Stunde, da eine neue Welt geboren werden soll. Jakob Klatzkin Die rumänische Juden„frage" Es ist eine der entscheidenden Eigentümlichkeiten des politischen Systems, das das öffentliche Leben des modernen Europas beherrscht, diejenige seiner Eigentümlichkeiten vor allem, welche die eigentliche Wurzel der inneren Unsittlichkeit dieses Systems darstellt, daß es alle großen menschlichen Angelegenheiten, mit denen es zu tun hat, abstrakt ansieht, sie ihrer konkreten Unmittelbarkeit entkleidet und in die Nebelsphäre einer abstrakten, indirekten Betrachtungsweise hebt, in der sie alle Wärme, alle lebendige Intensität und Dringlichkeit verlieren. Die heutige Politik macht aus allen menschlichen Dingen „Fragen", aus ganz lebendigen, wichtigen, realen Angelegenheiten werden graue, gespenstische, zweifelhafte und problematische Fragen. Wird ein Volk brutal und niederträchtig vergewaltigt, so wird dies zu einer „Frage"; wird eine Menschenklasse in ihren elementarsten Lebensbedürfnissen und Daseinsrechten brutalisiert, so wird dies zu einer „Frage". Offenkundige Ungerechtigkeiten, zynische Verletzungen der primitivsten moralischen Gebote, empörende Verstöße gegen die Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, qualvolle Nöte großer Menschengruppen, furchtbare Leiden ganzer Völker und Klassen, sie alle werden zu „Fragen", abstrakten und zweideutigen Fragen. Sie verlieren dadurch ihre Einfachheit, ihre moralische Selbstverständlichkeit, ihre menschliche Dringlichkeit und nehmen einen problematischen vieldeutigen Charakter an, der es ermöglicht, sie von verschiedenen „Gesichtspunkten" aus zu betrachten, sie hierhin oder dorthin zu drehen, ihnen mannigfache „Aspekte" zu geben, ein Pro und Contra zu konstruieren, sie in ein Netz von „Ansichten" und „Standpunkten" einzuhüllen, bis schließlich der gewollte Effekt erzielt ist: ihre moralische Selbstverständlichkeit und Dringlichkeit ist vor lauter Gesichtspunkten, Abwägungen und Relationen so sehr verblaßt, daß die menschliche Pflicht, sie zu lösen und zu regeln, ohne allzu große Gewissensbedenken unerfüllt bleiben kann. Es gibt wenige so krasse und eindrucksvolle Beispiele dieser verantwortungslosen, schlechthin unsittlichen Art der heutigen europäischen Politik/ menschliche Dinge zu betrachten und zu behandeln, als die sogenannte rumänische Juden„f rage". Seit einigen Jahrzehnten interessiert diese „Frage" die öffentliche Meinung Europas; europäische Konferenzen haben sich mit ihr beschäftigt, Paragraphen zu ihrer Lösung wurden formuliert, unzählige Aufsätze über sie geschrieben; von allen Gesichtspunkten aus wurde sie betrachtet, in all ihren Aspekten untersucht, diplomatische Noten wurden ihretwegen gewechselt, so manche politischen Erklärungen abgegeben, kurzum: der ganze Apparat der politischen Methode des modernen Europas wurde in dieser Frage in Bewegung gesetzt, und das hatte zur Folge, daß wir uns alle daran gewöhnt haben, in ihr wirklich eine „Frage" zu sehen, kompliziert, in tausend Relationen eingestellt, problematisch wie nur je eine Frage. Bis man schließlich in all dem Dunst politischer Gesichtspunkte und Standpunkte, in dem sie schwebt, wieder einmal sich die faktischen Gegebenheiten, die schlichten, einfachen Tatsachen vor Augen hält, die der „Frage" zugrunde liegen, und mit innerem Entsetzen erkennt (was man wohl schon wußte, aber in der politischen Auffassung der Frage ganz vergaß): Was man die rumänische Juden„frage" nennt, ist nichts anderes als dies, daß 250000 Menschen, 250000 Juden seit vielen Jahrzehnten brutalisiert, unterdrückt, verfolgt, an Leib und Leben geschädigt, in ihren elementarsten Daseinsberechtigungen vergewaltigt werden, und daß seit mehreren Jahrzehnten ununterbrochen und immerzu an 250000 Menschen, an 250000 Juden Verbrechen der schlimmsten Art begangen werden;