Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Realpolitik - Zukunftpolitik
Date
1918-01-01
Page
192 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101142-3103404--2504-3103462
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BEMERKUNGEN Realpolitik — Zukunftspolitik Die Judenheit erlebt eine große Stunde. Großmächte, die britische Regierung voran, haben den historischen Anspruch unseres Volkes anerkannt und versprochen, seine Verwirklichung zu fördern. Ja, sie haben es nicht bloß versprochen, sie haben sich dazu auch verpflichtet. Und als die Gegenpartei den Eindruck dieser Tat wahrnahm, der die Herzen der treuen Juden in allen Ländern der Zerstreuung zu gewinnen vermag, begann auch sie, dem Zionismus ein freundlicheres Gesicht zu zeigen. Nur daß sie dabei im Nachteil ist. Es fällt ihr schwer, mit dem Gegner zu wetteifern und ebenso klar wie er zu sprechen. So gibt sie unbestimmte, dunkle Zusagen, in denen viel von jener klugen Vorsicht ist, die ihre Worte wägt und mißt, die genau prüft, wie weit die öffentliche Meinung und wie weit der Sprechende selbst durch diese Worte gebunden wird . . . Jedenfalls ist der Zionismus eine eminent politische Angelegenheit geworden. Er wurde in die Rechnung des Weltkriegs einbezogen und gehört nunmehr zum Komplex der Fragen, die beim allgemeinen Friedensschluß gelöst werden sollen. Das ist gewiß erfreulich. Wir dürfen nicht die Zusage Englands geringschätzen oder durch die Behauptung herabwürdigen, daß England damit seinen eigenen Nutzen verfolgt. Im Gegenteil. Für die Daseinskraft des zionistischen Gedankens ist es ein gutes Zeichen, daß man seine Interessen fördert, indem man den eigenen nachgeht. Gleichviel, England hat unseren Dank voll verdient, und wir sollten uns auch nicht darüber wundern, wenn dieser Dank zuweilen das gebührende Maß überschreitet. Haben wir doch in dieser Hinsicht keine große Erfahrung: Die Galuthgeschichte unseres Volkes kennt wenig Ereignisse, die uns den Völkern gegenüber zu Dank verpflichteten. Wir waren eher gewöhnt, ob der Bosheit der Völker zu klagen und anzuklagen; dem Priestervolk, das zu segnen bestimmt war, gönnte man keinen leidensfreien Augenblick und gab ihm nur Gelegenheit zum Fluchen. Es will daher viel heißen, wenn nach zwei Jahrtausenden eine Nation sich des Segens des unterdrückten Volkes würdig erweist. Mögen die anderen Völker sie darum beneiden. Aber ein Bedenken ist doch dabei. Es gilt, auf dieses Bedenken hinzuweisen. All unsere Beziehungen zur Realpolitik sind schwankend und ohne Dauerkraft. Nicht weil sie uns im Stiche lassen, sondern weil das Leben ihr untreu werden könnte. Gesetzt, die Regierungen beider Parteien verpflichteten sich, Palästina dem jüdischen Volke zurückzugeben: so dürfte unsere Freude vollkommen sein und jeder Zweifel an der Verwirklichung unseres Ideals schiene grundlos. Und doch. Wer weiß, ob der Krieg nicht noch mit einer sozialen Umwälzung in vielen Ländern endet, sei es in der Form eines gewaltsamen Umsturzes, sei es in der eines parlamentarischen Umbaues. Es ist jedenfalls anzunehmen, daß es nicht ohne Entwurzelung von Altem und Einsetzung von Neuem abgehen wird. Neue Grundsätze werden in den Staaten aufgestellt, neue Persönlichkeiten vom Volk zu seinen Führern erkoren werden, Männer, die jetzt in der Minderheit sind, die Verachteten und Verfolgten von heute, so daß die Zusagen und Verpflichtungen der früheren Regierungen ungültige Münzen sein werden und ihre Edikte Fetzen Papiers. Dann wäre es möglich, daß alles, was uns von den Regierungen selbst beider Parteien versprochen wurde, wie nebenbei und von selbst aufgehoben würde, durch eine — in unserem Falle mißbräuchliche und verhängnisvolle — Anwendung jener allgemeinen demokratischen Losung der Friedenskonferenz: keine Annexion! Deshalb meine ich: indes wir uns mit den heutigen Mächten verbünden, sollten wir mit den Machtfaktoren von morgen und übermorgen rechtzeitig Beziehungen anknüpfen. Diese Kreise haben die Gerechtigkeit unseres historischen Anspruchs noch nicht hinreichend erfaßt. Es ist wohl zu befürchten, daß sie das jüdische Volk mit bürgerlichen und nationalen Rechten im Galuth abfertigen werden, während sie unseren historischen Anspruch als Eroberungsstreben mißverstehen und als solches verurteilen könnten. Noch sind sie nicht Herren der Lage. Noch sind sie schwach, und wir können den Boden der Weltzukunft für die jüdische Zukunft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.