Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Schaffensentscheidungen im Judentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 145 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen M5 hat diese Art der Judentumsbildung im Geist der Einzelnen noch gesteigert, man sieht jetzt im Judentum nur bestimmte Kulturwerte, während wir alle diese Werte aus der Verborgenheit nur deshalb hoben, um zu zeigen, daß sie im Judentum auch vorhanden sind. Ursprünglich zweifelten wir nie daran, daß alles, was unserem Menschenreichtum entsprungen, dem Judentum natürlich zugehöre. Seit das Judentum eine geistige Frage geworden ist, auf die die verschiedensten Antworten erschallen, besteht ein ganz klares Unvermögen der Einzelnen, die jüdische Gemeinschaft tatsächlich im Geist auf alles zu erstrecken, was seinen Individualitäten entsprossen ist. So ging uns seelisch der Zusammenhang mit den jüdischen Menschen, mit der Natur, die sie aus uns bildete, verloren, und ein seltsames Schauspiel tritt an seine Stelle. Menschen beginnen nach ihrem Geist erst zu fragen! Die sicherste Lebenstatsache, das einfache Sein im Geist wird zu einer Schicksalsfrage für die einzelne Individualität. So ist die Schaffensentscheidung der Persönlichkeit im Judentum erst entstanden. Die neue Individualität, lebend durch das Vollgefühl ihres neuen Naturworts, das sie sprechen soll, wird anstatt natürlich mit-, ja vorausgefühlt zu werden aus unserem Lebensboden, vor ein geistiges Gerüst gestellt, das „Judentum", und ihr gesagt: Erkenne dich selbst darin! Und je nachdem, welcher Vorstellungskreis dieses „Judentum" geschaffen hat, können bestimmte Individualitäten daran ihre Schaffensempfindungen lösen oder auch nicht. Es ist möglich, daß das „Judentum" in unserer Zeit zu einer solchen Begriffserweiterung gelangt, daß der größte Bruchteil der schaffenden Juden sich bereits darin erkennt, grundsätzlich ist aber damit die Schaffensentscheidung der jüdischen Persönlichkeit immer noch vorhanden. Denn schon das Hinarbeitenmüssen auf die Erkenntnis eines bestimmten geistigen »Judentums" löst in der Seele des Schaffenden die feinste Empfindungsscheidung aus, und so manche Persönlichkeit wird sich ehrlich sagen: es ist ein großer Bau, daran gearbeitet wird, aber für mich ist kein Platz, keine Lebensentscheidung in dem ganzen Gefüge. Insolange also das Begreifen des Judentums nicht auf das völlige Aufgehen im Bewußtsein seines ganzen Individualitätenlebens gebracht werden kann, besteht für den einzelnen Juden, der unsere neue Naturbildung ist, tatsächlich fcoch eine Schaffensentscheidung. Dies wird künstlich zum tragischen Schwergewicht, je schöner das neue jüdische Lebenswerk wächst, ohne die jüdischen Schaffenden, die am meisten um ihre Naturbotschaft, deren Verkündigung ringen, in sich aufnehmen zu können. Ein völliges Lebensbegreifen aller jüdischen Individualitäten, der Menschengipfel, mit denen uns die Natur in die Geisteswelt hineinragen läßt, kann allein diese Entscheidung beseitigen, sie natürlich hinfällig machen. Ist das Judentum nur mehr das völlige Lebensbegreifen all unserer jüdischen Menschenwelt, so kann der jüdische Schaffende so wenig vor die Entscheidung kommen, in seinem Wirken dem Judentum entsagen zu müssen, wie ein Mensch dem Leben entsagen dürfte aus dem einen Grund, weil zum Schluß jeder Mensch ja doch stirbt. Die jüdische Persönlichkeit, ohne erst hierum als jüdisch festgelegt zu werden, schafft eben im Judentum natürlich mit. Die weitere Frage, die sich aus der Auflösung des Judentums-Begriffes in eineinfaches Lebensbegreifen seiner Individualitäten ergibt, ist nun, worin der Lebenszusammenhang des Judentums denn bestehen soll, wenn er doch eigentlich nur eine äußere gedankliche Zusammenfassung bestimmter menschlicher Individualitäten, die zufällig auf jüdischem Naturboden erwuchsen, darstellt? Dieser Frage begegnen wir fürs erste mit einer metaphysischen Grundüberzeugung, daß der Mensch auch im Begreifen des innersten Weltenkernes ohne eine bestimmte geistige Gestaltung desselben ein Menschenschicksal in der Welt nicht ausdenken kann. Unabhängig von jedem jüdischen Werkbewußtsein wäre das Judentum somit eine erhabene Schicksalsfrage des Einzelnen in der Welt des geistigen Erlebnisses. Aber den eigentlichen Lebenszusammenhang unseres Individualitätenkreises begründen wir erst in unserem Werkbewußtsein, in dem Mühen unseres Lebens, die Menschenwelten unseres jüdischen Naturkreises zu einer neuen Lebensform zusammenzufassen und damit alle bisherigen Judentumsbegriffe und Lebenskomplexe bestimmter jüdischer Willensgruppen zu sprengen. Rein vom Gesichtspunkt der menschlich ethischen Auffassung muß das neue lebendige Judentum, das wir aufrichten wollen, ein „Zion" werden können. Worunter ich verstanden wissen will, daß die klassischen Lebensperioden der Menschheit sich von den andern, in denen oft nicht weniger erhabene Menschenindividualitäten gewesen sind, dadurch unterscheiden, daß ihnen, den klassischen Perioden, eben die Zusammenfassung aller inneren Menschenwelt ihrer Zeit zu einer geistigen Lebensform gelungen ist und den