Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 116 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ii6 S. L. Zitron: ZUR GESCHICHTE DER „ZIONSLIEBE" in. Rabbi Jehuda Alkalai Im Orient geboren, in Jerusalem erzogen, wurde er, einige zwanzig Jahre alt, Rabbiner in Semlin, an der ungarisch-serbischen Grenze. Schon 1857 leitete er eine breite Propaganda für den Palästinagedanken ein und gewann auch viele Anhänger. Im selben Jahre veröffentlichte er in Wien sein Werk „Goral ladonai" (Ein Los dem Herrn), in dem er einen ausführlichen Plan zur Verwirklichung der Besiedelung Palästinas darlegte. Seine Anschauung über die Zionsliebe war viel großzügiger als die der Rabbiner Gutmacher und Kalischer. Einerseits sah er in der Kolonisierung Palästinas eine Lösung des messianischen Problems, andererseits erstrebte er damit die politische und nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Seinen Ideen nach könnte man ihn für einen Vorläufer des modernen politischen Zionismus halten. Er dachte sich die Realisierung des Gedankens nicht durch kleine Aktionen herbeigeführt; er erstrebte etwas Großes. Er schlug vor, eine Genossenschaft für den Bau von Dampfern und Eisenbahnen zu gründen, die auch Palästina dem Sultan abkaufen solle, und zwar so, daß es unter seiner Souveränität verbliebe, auf Grund derselben Bedingungen und Privilegien wie damals die Balkanländer. Diese Idee entwickelte Alkalai noch ausführlicher in einer Reihe von Broschüren und Büchern, von denen seinerzeit die folgenden besonders populär waren: „Schema Jisrael" (Höre, Israel), „Schelom Jeruschalaim" (Das Heil Jerusalems), „Mewasser tow" (Der Verkünder des Heils), „Kibuz galujot" (Sammlung der Exulantenschaften), „Schiwat Zion" (Die Rückkehr nach Zion). Alle diese Werke sind mit großer Begeisterung geschrieben und voller orientalischer Phantasie. Als im Jahre 1860 die „Alliance israelite universelle" in Paris gegründet wurde, erblickte Alkalai darin den Beginn der jüdischen Erlösung. „Heute" — schrieb Alkalai damals in „Hamagid" — „hat sich die Prophezeiung des Propheten Hosea erfüllt, der gesagt hat: ,Da werden sich die Kinder Juda und die Kinder Israel zusammentun und sich ein Haupt setzen und aus dem Lande heraufziehen', d. h. alle Juden werden eine Gesellschaft gründen, sich einen Präsidenten wählen, und die erste Arbeit dieser Organisation wird sein, das jüdische Volk nach dem Lande seiner Urahnen, nach Erez-Israel, zurück zu verpflanzen." Als die Alliance nach einigen Jahren unweit Jaffa die Landwirtschaftsschule Mikweh-Israel gründete und manche der damaligen Zionsfreunde, darunter auch Rabbiner Kalischer, darin einen Anfang von Größerem und Wichtigerem auf dem Gebiete der Palästinakolonisation sehen zu dürfen glaubten, da war Alkalai der einzige, der sich enttäuscht fühlte. Er übersandte an den Präsidenten der Alliance, Adolphe Cremieux, ein Memorandum, in dem er in sehr scharfen Ausdrücken dagegen protestierte, daß die Gesellschaft sich auf kleine, unbedeutende Unternehmungen einlasse, während sie ein so weites Arbeitsgebiet vor sich habe. Die Alliance sollte Aktien ausgeben, für deren Erlös große sie Bodenflächen in Palästina erwerben und sie mit Juden besiedeln; sonst würde sie keine Existenzberechtigung haben. Das Problem des jüdischen Fortbestehens könne nur durch den Aufbau einer selbständigen Heimstätte im alten historischjüdischen Lande gelöst werden. Alles, was die Gesellschaft sonst für die Juden der verschiedenen Diasporaländer tun würde, könne nur ein Aushilfsmittel darstellen.