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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
80 (sequence 2)
Language
German
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8o Samuel Rappaport: ohne sich ihren Inhalt bewußt zu machen, gehorcht. Der Minhag ist ein Ausdruck des pulsierenden Lebens, ein Ausfluß einer äußeren oder verinnerlichten Notwendigkeit. Schon die Alten haben die Bedeutung des Minhag gewürdigt, wofür zahlreiche Aussprüche sowohl im Talmud wie im ganzen altjüdischen Schrifttum Zeugnis ablegen. „Minhag abotenu torah hu", „der Brauch unserer Ahnen ist der heiligen Lehre gleich", lautet ein uralter Ausspruch, den wir immer und immer wiederholen hören, sobald sich jemand an einem althergebrachten Minhag zu vergreifen wagt. Der fromme Jude, überall und zu allen Zeiten, liebt den Minhag von Herzen und übt ihn mit besonderer seelischer Innigkeit. Der Minhag ist die lebendige Kraft der Tradition. An ihm vernimmt man das Atmen des religiösen Lebens. Nicht selten wird in der Literatur geklagt, daß manchen die nicht sanktionierten Minhagim höher stehen als die vorgeschriebenen Gebote, was aber zumeist als stark übertrieben betrachtet werden muß. Wo vielmehr alte durch die Jahrhunderte geheiligte Minhagim abgeschafft worden sind, dort erscheinen auch die jahrtausendealten Gebote in der Regel in ihren Grundfesten stark erschüttert. Dort wo z. B. der „Kol Nidre" in der Synagoge abgeschafft ist, wird gewöhnlich am „Jörn Kippur" nicht viel gefastet. Gewiß gibt es mitunter einzelne Minhagim, die in der Tradition unbegründet und auch als stark überlebt erscheinen, die aber andererseits auch gewöhnlich automatisch und unversehens verschwinden. Hingegen bilden die meisten übernommenen Minhagim sozusagen das spezifische Kolorit unseres religiösen Lebens. Wo noch urwüchsiges jüdisches Leben blüht, dort leben auch die Minhagim. So hält die ostjüdische Masse noch treu und unentwegt an ihren Minhagim fest. Viele davon sind aus der Gegend des blutgetränkten Rheins, noch im finstern Mittelalter, an die Ufer der Weichsel getragen und hier liebevoll bis auf den heutigen Tag bewahrt worden*). In der Betrachtung des wichtigsten sozial-religiösen Momentes im Leben des Ostjuden, der Verlobung und Verehelichung seines Kindes, werden wir teils bekannte, teils weniger bekannte Minhagim finden, die aber zumeist mehr oder minder im Laufe der Zeit einen religiösen Anstrich bekommen haben und auch unter diesem Gesichtspunkte lieb und teuer gehalten werden. Soll das Leben in all seinen einzelnen Handlungen und Phasen durch die idealen Triebfedern der Religion geheiligt sein, so ist der Brennpunkt und gleichsam das Ziel dieser Heiligkeit: die Ehe, die Grundlage der Erhaltung des Stammes. Krönung des Lebenswerkes ist dem Ostjuden die Verheiratung seines Kindes. Der schönste Lebensabend, den sich der Ostjude ausdenken kann, ist: seine Kinder in „oscher in kuwod" (in Wohlstand und Ehren) „versorgt" (verheiratet) zu sehen. Für sich bleibt ihm dann in diesem Falle wenig zu wünschen übrig. Der heiligste Schwur des Ostjuden, den er nur sehr selten gebraucht, lautet: „Ich soll so mit meinem Weib (bezw. Mann) meine Kinder unter die Chuppe (Traubaldachin) führen". „Die Kinder unter die Chuppe führen" bedeutet für ihn den Gipfelpunkt seines Lebensglücks. *) Daraus erklärt sich der Umstand, daß viele noch aus dem deutsch-jüdischen Mittelalter stammenden Minhagim, die im Westen längst vergessen und bloß durch ihre Erwähnung in Responsen und Büchern rituellen Inhaltes aus jener Zeit uns erhalten blieben, im Osten noch heute lebendig sind und im religiösen Leben der Juden keine unbedeutende Rolle spielen. Siehe z. B. das Buch „Likute Mahril", Rituelle Analekten von Jakob ben Moses ha Levi aus Worms (lebte am Ausgang des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts).

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