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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 69

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
69 (sequence 2)
Language
German
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Ein Wort zu den Erwägungen über Religion 69 sagt, daß sie allzuviel von dem verwerfen könnten, woran sie eine entfernte Pietät oder ein im geheimen belächeltes und doch im geheimen angenehmes Empfinden sanft gebunden hält: ich denke an die große Masse der Trägen oder Ängstlichen. Ihnen steht die dünnere Reihe der unerbittlichen Dränger gegenüber, die durch den Weihrauchnebel der religiösen Inhalte zu durchsichtiger Erkenntnis sich vortasten wollen. Männer dieser Art tragen bereits ihr Weltbild im Kopfe, ehe sie sich ins Allerheiligste wagen. Ihr Weg geht immer von dem System ihrer Philosophie zur Religion, und ihr Mühen hat von fern gesehen den Anschein, als suchten sie die Religion zu retten. Aber in Wahrheit kämpfen sie um die dunkelsten und ersten Gefühle ihres Innern und wollen sie klar und neu geheiligt den Zeitgenossen darstellen, daß diese mitbewegt und mitberuhigt würden. Den Hauch einer werbenden Tendenz, der reinsten freilich und edelsten eines ethischen Philosophen, wird man in ihren Werken über Religion nie vermissen; diese Werke stehen auch am Ende ihrer Lebensarbeit. Und ich möchte in diesem Zusammenhang die großen Atheisten nicht ausschließen, denn sie eifern nur gegen Gott, aber für eine im Menschen ruhende natürliche Religion. Alle diese sammeln sich um die Durchbruchstellen, die von neuen seelischen oder physikalischen Erkenntnissen in die Zeiten gerissen werden, da auch den Trägen und Ängstlichen die Zunge sich zu lösen scheint: denn niemals sind solche Fortschritte aus kodifizierten religiösen Anschauungen hervorgegangen. Als die griechische (besonders Piatons) Philosophie in den Gedankenkreis der Juden eindrang, baute Philo seinen mächtigen Gedankenwall um sein religiöses Bekenntnis, phantastisch und unsystematisch, aber genau dem Stand der synkretistischen Weltbetrachtung von damals entsprechend. Als zum zweitenmal eine Welle der Aufklärung von der griechischen Philosophie über die Juden hinwegging — in der arabischen Epoche —, da hat (um das vornehmste Beispiel zu nennen) Maimoni des nicht aus unbewußtem Nationalismus, wie Achad Haam annehmen möchte, sondern lediglich aus dem glühenden Willen heraus, seinen eigenen religiösen Gefühlsinhalt vor dem Ansturm der unwiderleglichen Vernunft zu schützen, sich zum Führer der Schwankenden durchgekämpft: so recht im Geist und in der Methode der nüchtern-psychologischen Weltdurchdringung des Aristoteles. Dasselbe Spiel wiederholt sich in der Neuzeit. Der naturwissenschaftliche Aufschwung des 17. Jahrhunderts zerreißt den Schleier der Mystik und Scholastik. Descartes' Suche nach einem wissenschaftlich notwendigen Gott steht am Beginn der Zeit und von England herüber wird namentlich unter Hobbes1 Einfluß die Theologie streng aus der Philosophie verwiesen. Damit aber doch ein teuerer Rest übrig bleibe, werden jene abstrakten Lehren der Religion, die philosophische Erkenntnisse sein könnten, als Deismus gerettet. Hier knüpft ursprünglich auch die Religionsphilosophie Spinozas an. Der Pantheismus, den unterirdische Gefühlsgänge mit der Gottessehnsucht der Kabbala, des Chassidisnius, des Pietismus verbinden, ist vielleicht das einzige philosophische Bekenntnis> das mit religiöser Innigkeit zu erfüllen vermag. Der Gott, den Spinoza dem Seienden gleichsetzt, ist ja doch der alte Judengott, nur von jeglicher biblischen Mythe gereinigt, ist die Vergöttlichung des jüdischen Ethos, nur dem System eines empirischen Denkens eingefügt. Wenn nach Spinoza jede geistige °der physische Regung in gleicher Weise Ausdruck der göttlichen Substanz ist, w*e dürfte er dem Guten einen Vorzug vor dem Bösen geben? Dies ist in der Tat die schwächste Stelle seines Systems und doch gleichzeitig die hinreißendste, 6*

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